Die Hoffnung, dass das neue Album meiner ehemaligen Lieblingsband (von der leider nur mehr Axl Rose selbst dabei eist) jemals erscheinen würde, hatte ich bereits vor einigen Jahren aufgegeben. Der Mythos "Chinese Democracy" verschwand nach und nach aus meinen Gedanken, bis ich nicht mal mehr beim Hören der alten Gunners-CDs mehr daran dachte. Naturgemäß war ich von dieser Veröffentlichung sehr überrascht...
Die Erwartungen waren jedenfalls sehr hoch (wenngleich nicht ganz so dramatisch, wie noch vor rund 10 Jahren, als ich wirklich auf dieses Album gewartet und gewartet habe) - und mit den Jahren wuchs die Angst vor einer herben Enttäuschung. Letztlich ist "Chinese Democracy" meiner Ansicht nach zum Glück nicht die befürchtete Katastrophe geworden.
Als erstes fällt der Gesang von Axl Rose positiv auf. Man kann vom Frontmann halten, was man will (die ständige Wahl unter die "Idioten des Jahres" in diversen Magazinen spricht da wohl Bände), seine höchst eigenwillige Stimme ist jedenfalls etwas Besonderes. Wer sich früher an den Vocals gestört hat, wird auch heute nicht damit warm werden, aber das braucht man wohl nicht extra zu betonen. In meinen Ohren gibt es an der Gesangsleistung absolut nichts auszusetzen, sie erinnert nach wie vor an die alten Großtaten und sorgt sofort für das altbekannte Gefühl, das beim Hören der Tonträger von Guns n' Roses schon immer aufkam. An der kompositorischen Front fehlen natürlich die (Co-) Songschreiber Slash, Izzy Stradlin' und Duff McKagan, dennoch ist der Großteil der Lieder gut hörbar. Die Instrumentenarbeit ist in Ordnung, auch wenn gerade hier der Gitarrist mit dem Zylinder früher besonders auffiel. Seine diversen Ersatzmänner halten sich aber nicht schlecht und steuern gelungene Riffs und Leads bei.
Typisch für dieses Album ist allerdings (und das kann man durchaus ironisch sehen), dass lediglich die Songs, die an die mittlerweile nahezu vergessenen alten Zeiten erinnern, wirklich gut sind. So sticht vor allem "Street Of Dreams" mit seinen "November Rain" mäßigen Pianos, dem (bis auf einige Stellen puren Gejammers) sehr guten Gesang, dem perfekt gelungenen Mittelteil und einem an Slash erinnernden Solo hervor. In eine ähnliche Kerbe haut das sehr atmosphärische "Madagascar" mit seiner Falco-Gedenkmelodie und gutem, sehr rauem Gesang.
Ebenfalls als sehr gelungen empfinde ich "Better" (wiederum Axl in Höchstform), das außergewöhnliche, seltsam hypnotische "Sorry", das entfernt nach Black Sabbath klingt (wenngleich etwas mehr Härte besser gewesen wäre) und das vage an die 90er-Phase der Band erinnernde "I.R.S.", das als einziges Stück einen wirklich catchy Refrain aufweisen kann. "Catcher In The Rye" (leider nicht so tolle stimmliche Leistung, allerdings schöner Na-Na-Na-Mitsing-Teil und ein gutes Solo) und die Ballade "This I Love" (mit schöner Piano-Melodie und ansprechendem Text) gehen ebenfalls in Ordnung. Der Opener und gleichzeitig Titeltrack ist auch o.k., zeigt allerdings mit modernen, recht heftigen Gitarren die neue Seite der Band. Alles in allem nicht schlecht, aber meiner Ansicht nach nicht die günstigste Art, das Album zu eröffnen.
All die genannte Songs bieten Trademarks, die man als Guns n' Roses Fan auch auf den alten Platten fand und so sehr liebte. Leider gibt es auch einige Ausreißer nach unten zu vermelden. Mit "If The World" und "There Was A Time" finden sich wie so oft zur Albummitte zwei Fälle für die Skip-Taste, ähnlich ergeht es "Scraped" und "Riad n' Bedouins", die irgendwie nach schlechten Cover-Versionen eigener Stücke klingen und erstmals keinen guten Gesang von Axl bieten. Zuguterletzt bleiben mit dem zweiten Track "Shackler's Revenge" und dem Rausschmeißer "Prostitute" (der zu sehr nach Reißbrett klingt) zwei durchschnittliche Songs übrig.
Alles in allem kann man "Chinese Democracy" keinesfalls als schlechte Platte bezeichnen, im Gegenteil, es ist sogar eine positive Überraschung. Allerdings fällt auf, dass die Jungs nur dann wirklich gut sind, wenn sie sich an ihren Bestleistungen aus den 80ern/frühen 90ern orientieren. Schade ist auch, dass kein einziges Stück einen wirklich guten Refrain bietet (was bei Guns n' Roses früher selbstverständlich war). Was dem Album allerdings noch mehr fehlt - und das empfinde ich als sehr großes Manko - ist ein wirklich herausragender Song, wie er bisher auf allen Alben zu finden war. Auf dem aktuellen Longplayer sucht man vergeblich danach. Um aus dem vorhandenen Material einen solchen zu schaffen, müsste allerdings auch die Live-Performance stimmen, aber das ist eine andere Geschichte...
4 Sterne wären drin gewesen, wenn sich nicht ganz so viele Füller eingeschlichen hätten. Aber 4 mehr oder weniger totale Ausfälle, dazu 2 durchschnittliche Songs - damit kann es nur zur Durchschnittswertung reichen, vor allem weil es auf den 3 besten Alben der Band praktisch keinen derartig schwachen Song gab. Übrigens hoffe ich, dass das nicht das letzte Lebenszeichen der Band war und dass in näherer Zukunft was nachkommt. Der eingeschlagene Weg scheint mir - zumindest aus musikalischer Sicht - der richtige zu sein, auch oder gerade weil sich die Geister daran scheiden werden.
Die LP-Version hat natürlich zusätzlich zum musikalischen auch den nostalgischen Wert, zumindest für mich. Die LP von "Apetite For Destruction" war eine meiner ersten Erfahrungen im Hard Rock, die entsprechenden Emotionen sind damit für immer mit Guns n' Roses auf LP verknüpft.