Aus der Amazon.de-Redaktion
15 Jahre musste die Welt auf
Chinese Democracy warten. Kann das am häufigsten vertagte Album der Rock-Geschichte den hohen Erwartungen der Fans gerecht werden? Sicher ist auf jeden Fall: Die Scheibe dürfte kontrovers diskutiert werden.
Bevor man sich die CD anhört, sollte man sich von zwei Vorstellungen lösen: dass Axl Rose und sein bunt zusammengewürfelter Haufen stilistisch an die Frühwerke Appetite For Destruction und Use Your Illusion I & II anknüpfen und dass ein Album automatisch dadurch besser wird, dass man eine halbe Ewigkeit an ihm herumbastelt. Die Guns N´ Roses des Jahres 2008 haben sich fast komplett vom erdigen, angerauten Hardrock gelöst, für den einst vor allem die längst gefeuerten oder gegangenen Slash, Izzy Stradlin und Duff McKagan standen. Chinese Democracy ist der Versuch, Axls nach wie vor exzellenten Gesang ("Street Of Dreams"!) mit modernem Bombast-Rock, epischem Pop, Funk, Disco und Electronica zu einem gänzlich neuen Sound zu verbinden. Das gelingt auch streckenweise durchaus, das Album ist voller origineller Produktions-Details und innovativer Gitarrensoli, doch mit den Jahren hat Axl offensichtlich den Blick für das Wesentliche verloren: Melodien und Riffs, die ins Ohr gehen und dort auch bleiben. Bis auf den Titeltrack und das progressive "Madagascar" enthält die Scheibe ausschließlich reichlich unterkühlte Songs, mit denen viele alte Guns-N´-Roses-Fans ihre Schwierigkeiten haben dürften. Liebhaber gitarrenlastiger Avantgarde-Pop-Soundlandschaften werden sich für das Album vielleicht begeistern können, Rock-Freunde sollten die Scheibe aber auf jeden Fall gründlich auf Herz und Nieren testen, bevor sie sie kaufen. - Michael Rensen
Es ist vollbracht, der größte musikindustrielle Running Gag der letzten anderthalb Dekaden hat sich mit einer Dose Dr. Pepper selbst pulverisiert - "Chinese Democracy" ist erschienen.
Allein das macht dieses Album schon zu etwas Besonderem. Doch wie steht es musikalisch um die erste Veröffentlichung originären Eigenmaterials unter diesem Namen siebzehn Jahre nach der "Use Your Illusion"-Saga und mit nur einem übrig gebliebenem Originalmitglied, W. Axl Rose? Nun, genau hier muss die Erwartungshaltung anknüpfen. Denn Rose perfektioniert mit "Chinese Democracy" konsequent seinen manischen Zwang zur Pathos-Perfektion, ergötzt sich im Epischen und nicht am Breiten und folgt - auch textlich - rein seinem scheinbar immer noch gebrochenem Herzen. Der Verlust von Duff McKagan, Slash - und immer noch schmerzhaft- Izzy Stradlin, erklärt jedenfalls den Verlust der personifizierten Punk- respektive Blues-Stones-Fraktion, der zu "Illusion"-Zeiten noch charakteristisch evident war, und schafft Raum für Roses alleinige Vision. So liegt es auf der Hand, dass das Gros der 14 Songs von "Chinese Democracy" im balladesken Midtempo-Bereich angesiedelt ist und wie die logische Weiterführung von Song-Monstern wie "Estranged", "November Rain" oder "Breakdown" klingt - im modernisierten Gewand versteht sich. Zwar entsprechen Drum-Loops, Samples und andere elektronische Spielereien zwar eher dem Sound-Zeitgeist kurz vor der Jahrtausendwende, doch wen kümmert es bei einer Produktionszeit und einem Budget im zweistelligen Bereich? Axl bestimmt nicht.
Mit zuweilen fünf unterschiedlichen Gitarristen (Buckethead, Robin Finck, Ron "Bumblefoot" Thal, Richard Fortus, Paul Tobias), zwei bis drei Keyboards (Dizzy Reed, Chris Pitman, partiell Axl Rose) , zwei Schlagzeugern (Bryan Mantia, Frank Ferrer) und einem konstanten Bass von Ex-Replacements Mann Tommy Stinson, ist dieses Album natürlich überbordend überfrachtet, eine unendliche Pro Tools-Orgie und noch mehr die komplette Anti-These zum animalischen "Appetite For Destruction". Aber es ist einfach auch verdammt einzigartig und gut. Keine andere Scheibe, welche während des langwierigen Entstehungsprozesses das Licht der Welt erblickt hat, versprüht die Grandezza des entrückten wie gleichsam Überlebens-großen Gestus eines aussterbenden Geschlechts: des großen Rockstars. Ja, Axl Rose ist einer der letzten dieser Gattung und seine markante Stimme sowie seine Songs, mögen sie sich partiell auch konventionellen Kehrvers-Schemata oder anderen herkömmlichen Hit-Konventionen konsequent entziehen, sind Ausdruck einer individuellen Charakterlichkeit, die im gesichtslosen Gros der Charts-bevölkernden "Künstler" vergebens gefunden werden kann, vorausgesetzt man sucht überhaupt noch danach.
Mag der Opener und Titeltrack "Chinese Democracy" auch mehr die Funktion eines Intros als eines klassischen Songs erfüllen, ist "Shackler's Revenge" schon eher ein moderner Rose-Rocker. Aber es sind sinfonische Meta-Meisterwerke wie das hypnotische "Better", die Elton John Piano-Bombast-Verbeugung "Street of Dreams", das traumatische "There Was A Time", das Pink Floyd'sche "Sorry" oder Tracks wie "I.R.S"' und "Madagascar", die trotz ihrer vordergründigen Skizzenhaftigkeit malerisch zwischen magischen Momenten und Megalomanie mäandern, die jegliche Wartezeit rechtfertigen. Dazu das - vergleichsweise - leichtfüßige und Beatleske "Catcher In The Rye", das Blaxploitation-Soul-Soundtrack-R'n'B-Experiment "If The World" und der verschrobene Wüstenrocker "Riad N' Bedouins" und es stellt sich zunehmend Zufriedenheit ein.Wenn gen Ende Axl zum bewegend Bombastlosen Balladenstück "This I Love" beherzt selber in die Tasten greift und mit "Prostitute" das ganze Gefühlskino-Repertoire rückblickend noch ein Mal Revue passieren lässt, weiß man, warum man sein halbes Leben auf diese Scheibe gewartet hat. Dass dieses Werk dementsprechend einen gleichsam längeren Aufmerksamkeitszeitraum bis zur völligen Erschließung einfordert und nicht in nur ein paar Durchläufen völlig delektiert werden kann, liegt auf der Hand. Fürwahr Monster-Album, auch wenn es vielleicht - erwartungsgemäß - niemals die Monumentalität seines eigenen Mythos erreichen kann. Und trotzdem glücklicherweise viel mehr als all das, was man sich jemals von dieser phänomenalen Phantom-Platte erträumt hat.
Frank Thießies