Von den vielen Chinabüchern, die ich in den vergangenen Jahren gelesen habe, hat mir dieses mit am besten gefallen. Pohl versucht China vor allem von seinen geistigen Traditionen, d.h. von seinen philosophisch-religiösen Lehren und seinem Wertesystem her zu erklären und hat somit eine kleine Geistesgeschichte Chinas verfaßt. So behandelt er u.a. das Yin-Yang-Denken (mit seinen Auswirkungen auf Feng-shui und die ganze Alltagswelt der Chinesen), den Konfuzianismus (mit einem interessanten Exkurs über den Konfuzianismus in der modernen Welt), Daoismus (als Lebens- und Überlebenskunst, spannend dabei die Bezüge zu den Kampfkünsten) und den Zen-Buddhismus. All dies wird zwar kurz, doch als Einführung auch lang genug, immer wieder mit anregenden Originalzitaten, vor allem gut verständlich und oft mit einem Augenzwinkern vorgestellt.
Nun mag man denken, daß diese Lehren eher ins Museum der chinesischen Geistesgeschichte gehören, doch in einem zweiten Teil zeigt Pohl überzeugend und auch höchst kurzweilig, wie sich diese Lehren auch heute noch in gesellschaftlichen Grundeinstellungen (Hierarchie, Harmonie, Beziehungen, Rechtsverständnis) sowie in Verhaltensweisen (Höflichkeit, Gesicht, Etikette, Kommunikation, Lernen, strategisches Denken im Wirtschaftsbereich und bei Verhandlungen) zeigen. Gerade das Kapitel über strategisches Denken fand ich mit seinen Erläuterungen von Kriegslisten und deren Anwendungen im Geschäftsbereich höchst aufschlußreich.
Daneben hat das Buch auch eine kurze Einführung in Landeskunde (kurz aber gut zur Sprache), einen Ausflug über Chinabilder der Deutschen und Deutschlandbilder der Chinesen (inklusive Vorspann über Kultur und interkulturelle Probleme im allgemeinen) sowie einen Teil zur Geschichte, wobei ich vor allem die Abschnitte zur Geschichte des 19. und 20. Jh. mit der Darstellung der auch heute noch sich auswirkenden Spannungen (Verwestlichung gegenüber Beharren auf einem eigenen chinesischen Weg) sehr überzeugend fand.
In seinem Vorwort zur neuen überarbeiteten und erweiterten Neuausgabe setzt sich Pohl auch mit den Kritiken auseinander, die offenbar hier auf der Webseite stehen ('Gebrauchsanweisung für ein Land??!!'). Er nimmt die Kritiken auf, zeigt aber auch gekonnt, daß sie an der Sache vorbeigehen. Man hat tatsächlich den Eindruck, daß die Rezensenten ein anderes Buch gelesen haben (die alte Ausgabe? ' war die soviel schlechter?). Interessant, daß ein neues populäres Chinabuch das kritisierte Thema im Titel trägt: 'Gebrauchsanweisung für China'.
Ich kann jedenfalls Pohls Buch rundum empfehlen, vor allem als Einstieg in eine faszinierende Welt anderen Denkens, aber auch zum Verständnis der dadurch bedingten anderen Sicht- und Verhaltensweisen.