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Ausgehend von dieser Frage führt der ehemalige deutsche Botschafter in China, Konrad Seitz, den Leser in die Vorstellungen der sinozentrischen Welt ein. Das Buch gliedert sich in zwei große Abschnitte. Im ersten Teil zeichnet der Autor die historische Entwicklung Chinas nach und beschreibt detailliert die großen Umbrüche der neueren chinesischen Geschichte. Von der prunkvollen, doch erstarrten Welt der späten Qing-Kaiser, die angesichts der industriellen Revolution Europas immer weiter ins Hintertreffen geriet, über das Herabsinken Chinas zu einem halbkolonialen Spielball der imperialistischen Mächte, bis zur Verzweiflung der großen und stolzen Kultur an sich selbst und der "permanenten Revolution" des großen Vorsitzenden Mao Zedong.
In der zweiten Buchhälfte werden die wirtschaftlichen und politischen Trends der letzten 20 Jahre untersucht und eine Prognose für die nächste Zukunft gestellt. Für viele neu dürfte die Feststellung sein, dass der wirtschaftliche Aufschwung der 80er im wesentlichen von der ländlichen Bevölkerung getragen wurde.
Weit entfernt von gängigen Stereotypen gelingt es dem Autor ein scharfes Bild der gegenwärtigen Situation Chinas zu zeichnen, die sich dem Außenstehenden nur durch den historischen Kontext erschließt. Vor allem die jüngsten Entwicklungen der aufstrebenden Weltmacht werden sachkundig analysiert, zumal Seitz als Botschafter in der Lage war, sie von einer einzigartigen Warte aus zu beobachten. --Daniel Leese -- Dieser Text bezieht sich auf eine vergriffene oder nicht verfügbare Ausgabe dieses Titels.
Ein positives Geschichts- und Zukunftsbild
Als die Volksrepublik China im Oktober 1999 den 50. Jahrestag ihrer Gründung feierte, erschien in «Foreign Affairs», der amerikanischen Fachzeitschrift für internationale Politik, ein Aufsatz mit dem provozierenden Titel «Does China Matter?» Nur sehr bedingt, lautete das Fazit, das der Asien-Experte im Londoner Internationalen Institut für Strategische Studien (IISS), Gerald Segal, aus seiner vergleichenden Analyse der ökonomischen, politischen und militärischen Rolle Chinas im globalen Massstab zog. Mit einem gesunden Sinn für Proportionen beurteilt, schrieb Segal, komme der Volksrepublik in ihrer gegenwärtigen Verfassung und angesichts schwerwiegender struktureller Handicaps kaum mehr als der Status einer zweitklassigen Mittelmacht zu. Schmeichelhaftere Wahrnehmungen führte er nicht zuletzt auf die theatralische Begabung zur Selbstinszenierung zurück, mit der es Peking schon zu Maos Zeiten verstanden habe, der Welt ein der Realität weit vorauseilendes Schwergewicht zu suggerieren.
Glanz und Last der Tradition
Bei der Lektüre des China-Buches, das der deutsche Diplomat und Publizist Konrad Seitz geschrieben hat, empfiehlt sich dieser Aufsatz als nützliches Korrektiv. Denn der langjährige Botschafter (zuletzt, von 1995 bis 1999, in Peking) macht kein Hehl daraus, wie sehr ihn die glorreichen Epochen des chinesischen Kaiserreiches, die er mit dem Begriff der «vollendeten Zivilisation» idealtypisch überhöht, faszinieren. Ebenso wenig verleugnet der Wirtschaftsfachmann Seitz mit seinem ausgeprägten Faible für Statistiken, dass die von den Reformen Deng Xiaopings und seiner Nachfolger ausgelöste ökonomische Dynamik bei ihm einen tiefen Eindruck hinterlassen hat. Diese zuversichtliche Grundstimmung hat erkennbar auch auf die Gradlinigkeit abgefärbt, mit der er China innerhalb der nächsten 20 Jahre als eine der leistungsfähigsten Volkswirtschaften an die Weltspitze vorrücken sieht.
Wer von dem Buch in erster Linie Antworten auf aktuelle Fragen erwartet, muss allerdings viel Geduld aufbringen. Erst nach gut 200 Seiten, in denen Seitz den Ursachen für den Niedergang des Kaiserreichs und dem turbulenten Selbstfindungsprozess der modernen chinesischen Geschichte nachgeht, stösst er bei Deng Xiaping und der «Geburt des modernen China» allmählich in die Gegenwart vor. Nützlich ist dieser historische Diskurs trotz seiner ausufernden Länge deshalb, weil er reichlich Belege dafür liefert, wie sehr die Last oder die Tyrannei seiner Geschichte das China von heute in Form von entwicklungshemmenden Denkblockaden immer noch drückt. Dazu gehört die von der offiziellen Geschichtsschreibung weiter gepflegte historische Lebenslüge, wonach der Einbruch der Kolonialmächte Mitte des 19. Jahrhunderts in China die Hauptursache für die Zerrüttung und den Abstieg des Kaiserreichs und nicht deren Folge war. Ebenso machtpolitischen Interessen wie der Tradition verpflichtet ist das Argument, das politische Reformen an den nationalen Identitätsvorbehalt knüpft, also verweigert.
Gesellschaftlicher Sprengstoff
«Kann China es schaffen?», fragt Seitz, bevor er im Schlusskapitel den Blick auf das Jahr 2020 richtet und «Grosschina», das er mit kreativer Phantasie bis dann bereits mit Taiwan wirtschaftlich vereinigt sieht, als grösste Volkswirtschaft der Welt an den USA vorbeiziehen lässt. Die «enormen Expansionsmöglichkeiten», auf die er dabei nicht zuletzt dank dem chinesischen Beitritt zur WTO vertraut, hat Seitz zuvor in einer sehr kenntnisreichen und informativen Darstellung der Mechanismen und Triebkräfte des wirtschaftlichen Aufschwungs in der Volksrepublik beschrieben.
Dennoch wird die Prognose zu einem ziemlich kühnen Sprung, weil sie sich ohne vermittelnde Plausibilität über die auf diesem Weg liegenden «gewaltigen Probleme» hinwegsetzt, die der Autor nicht minder eindrücklich beschreibt. Etwa die bislang ungelöste Frage, wie die Pekinger Führung in schnellem Tempo die notwendigen Produktivitätsfortschritte erreichen will, ohne das Land bei schon jetzt hoher Arbeitslosigkeit in ein Pulverfass zu verwandeln. Die sozialen Spannungen mit einer zunehmenden Zahl lokaler Gewaltaktionen haben sich auch deshalb verschärft, weil sich Partei und Regierung bisher nicht einmal zur Einführung eines Minimums an arbeitsrechtlichen Schlichtungsmechanismen durchringen konnten.
Auch das macht die Wertung, Chinas Kurs werde unter Partei- und Staatschef Jiang Zemin und Ministerpräsident Zhu Rongji von einer «kompetenten Führung» bestimmt, zweifelhaft. Seitz hat ausserdem selbst beobachtet, wie die gesellschaftliche Realität sich immer weiter von der offiziellen Begriffsakrobatik («sozialistische Marktwirtschaft») entfernt, die das chinesische Experiment ideologisch und machtkonform auf Linie zu halten versucht. Dass unter solchen Bedingungen ein einziger Fehltritt ausreichen kann, um eine Staatskrise heraufzubeschwören, haben die Ereignisse um den 4. Juni 1989 gezeigt. Weil vorläufig nichts gegen eine Wiederholung spricht, hätte Seitz gut daran getan, seine Best-Case-Prognose um einige alternative Szenarien anzureichern.
Jürgen Kahl -- Dieser Text bezieht sich auf eine vergriffene oder nicht verfügbare Ausgabe dieses Titels.
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Der erste Teil, den ich keineswegs uninteressanter fand, führt einem etliche Fakten über China vor Augen, die den Europäern im Allgemeinen so nicht bewußt sind. Das beginnt mit den technischen Errungenschaften des alten China (und wieviele Jahrhunderte später sie erst in Europa Einzug hielten), mündet in eine kompakte Darstellung der klassischen Weltanschauungen (Daoismus, Legalismus, Konfuzianismus) und gibt schließlich einen guten Überblick über die großen Dynastien. Das geschieht vor allem vor dem Hintergrund des "Niedergangs einer Weltmacht".
Mit den Schilderungen Chinas während der Mao-Zeit setzt der Autor nun zunehmend wirtschaftliche Schwerpunkte und wenn er zur Zeit Deng Xiaopings kommt, ist er bereits ganz in volkswirtschaftlichen Daten, Analysen und Entwicklungen angekommen. Aber obwohl er den Leser teilweise etwas mit Zahlen überhäuft, bleibt das Buch gut lesbar und verständlich.
Welche Aspekte des Buches einen mehr interessieren, ist sicherlich individueller Natur, aber ich bin davon überzeugt, daß jeder, der auch nur ein bißchen Interesse an China hat, hier etwas lesenswertes finden wird. Wer hingegen die Schwerpunkte des Buches - geschichtlichen Überblick und neuere Wirtschaftsentwicklung - zu schätzen weiß, wird an dem Buch seine helle Freude haben.
China ist das Land mit der höchsten Bevölkerung der Erde. Es ist kommunistisch, und jeder mag die Küche des Landes.
Dazu noch etwas Konfuzianismus, und man hat in etwa das, was der größte Teil der westlichen Welt mit China verbindet.
Das Land hat aber noch sehr viel mehr zu bieten. Und was genau das ist, erklärt Konrad Seitz in diesem Buch. Dabei dürfte eines sicher sein: Nach dem Lesen dieses Buches, hat man ein anderes Bild von China als vorher.
Konrad Seitz, der Philologie, Geschichte, Philosophie (in Deutschland) und internationale Wirtschaft und Politik (in USA / Harvard) studiert hat, war Redenschreiber des deutschen Außenministers Genscher, politischer Planungschef des auswärtigen Amtes und Botschafter in Italien, Indien und zu guter Letzt in China.
In diesem Buch rollt er die lange Geschichte des "Reiches der Mitte" komplett auf. Dies geschieht chronologisch, und ist in drei Hauptabschnitte zu gliedern: Da wären als erstes die verschiedenen Dynastien bis zur Mitte des 18.Jahrhunderts, als die Europäer begannen, gewaltsam in China einzudringen. Es folgt die schwere Zeit vom 18.Jahrhundert bis zum China Deng Xiaopings, die China vom fortschrittlichsten Land der Welt, der fortschrittlichsten Kultur der Welt, zu einem armen, kommunistisch diktatorisch regierten dritte Welt Land machte. Zuletzt wird die Zeit der Reformen thematisiert, eingeleitet von Deng Xiaoping, und fortgeführt von Jiang Zemin.
Während Konrad Seitz den Schwerpunkt im ersten Drittel darauf legt, dem Leser die glorreiche Geschichte, die großen Errungenschaften und vor allem die Kultur der chinesischen Zivilisation näher zu bringen, wird es im zweiten Teil politisch, und im dritten Wirtschaftlich.
Im ersten Teil kommt es dabei nicht selten vor, dass man schwer beeindruckt ist von dem, was die chinesische Zivilisation schon so viele Jahrzehnte vor den Europäern entdeckt und entwickelt hat. Dabei geht es nicht nur um Erfindungen wie den Magnet, das Schießpulver, das Papier, den Buchdruck, die Agrartechnik und Eisentechnologie, sondern es geht auch um das Außenpolitische und Geographische. Chinesische Seeexpeditionen führten in großen Schiffen von China, durch Ostasien bis an die ostküste Afrikas, als die europäer noch in kleinen kurzstrecken-Schiffen unterwegs waren.
Etwas kompliziert ist der dritte Teil des Buches. Die wirtschaftlichen Daten, Fakten, Analysen, sowie die prognosen für die zuküftige Entwicklung und die Masse an Zahlen, erfordern schon höchste Konzentration beim Lesen. Ist diese aber vorhanden, sollte man auch mit dieser Materie keine allzu großen Probleme haben.
Insgesamt erfährt man in diesem Buch alles, was man über China wissen sollte, und noch etwas mehr. Sollte man also mehr über das Land und seine Geschichte wissen wollen, ist dieses Buch genau das richtige.
Wer weiß schon, daß China bis ins frühe 19. Jahrhundert die größte Volkswirtschaft der Welt war? Daß die Chinesen schon im Mittelalter Bücher in Millionenauflage druckten, Stahl in Massen herstellten, als hierzulande noch Speere ausgegeben wurden, weil die größere Eisenmenge für Schwerter kaum zu bezahlen war? Daß Römer und frühe Chinesen ungefähr den gleichen Lebensstandard hatten, der aber in Europa lange Zeit in den Keller fiel und erst um 1700 die Europäer wieder mit den Chinesen gleichzogen? Daß nicht nur das Schießpulver und der Magnet aus China importiert wurden, sondern auch Buchdruck und moderner Ackerbau? Daß in der Zeit des Rokoko China als die ideale Gesellschaft galt - ein Staat, der von Beamten regiert wurde, die aufgrund ihrer Fähigkeiten statt aufgrund ihrer Abstammung zu Macht gelangt waren, und eine Bürgerschaft, die aufgrund ethischer Lehren und nicht durch die Dogmen eine macht- wie geldverliebte Kirche sich zu Anstand und moralischem Verhalten befleißigten?
Und was wissen wir über das heutige China - das bevölkerungsreichste Land der Welt? Das Land hat sich binnen weniger Jahre vom rückständigen Agrarstaat zu einem technologieorientierten Schwellenland weiterentwickelt, dessen Ingenieure und High-Tech-Unternehmen schon heute Siemens & Co. Aufträge abjagen und große Teile der weltweiten Computerindustrie beliefern.
Das ist nicht das einzig erstaunliche Faktum, das Seitz in diesem ungewöhnlichen, mit Verblüffendem nicht geizenden Sachbuch zusammengetragen hat. Wie unser Chinabild entstanden ist, was sich im Reich der Mitte in den letzten 2000 Jahren so zugetragen hat, warum das Land im 21. Jahrhundert wohl wieder eine herausragende Rolle spielen wird, und vor welchen Herausforderungen sich eine Milliarden Menschen in diesem Land in den nächsten Jahrzehnten gestellt sehen - darüber gibt der Diplomat fachkundig Auskunft.
Ein ungewöhnliches Buch für alle, die nicht nur mehr über die Geschichte der Welt wissen wollen, sondern auch über ihre Zukunft.
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