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131 von 150 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich:
1.0 von 5 Sternen
Das China-Klischee, 6. April 2005
Schon im Klappentext erfahren wir die Grundthese des Buches, dass sich Deutschlands Zukunft in China entscheiden wird. Ich habe kein gutes Gefühl, wenn die Latte für ein Buch so hoch gelegt wird. Das Eingangskapitel lautet gleich "Die gelbe Gefahr?". Auch das Fragezeichen nimmt der Überschrift nicht die Dummheit. Was folgt, ist eine wüste Aneinanderreihung von Zahlen und Zitaten, die uns vorhalten und beweisen sollen, wie überlegen die Chinesen und in welch jämmerlichem Zustand wir Deutsche sind. Durch die Seiten fuchtelt ein aufgeregter Zeigefinger. Das Rezept ist einfach. Sätze wie "Alle Chinesen wollen..., aber die Deutschen...." lassen sich beliebig mit Inhalt füllen und ausgesuchten Fakten unterlegen.Sieren liefert auch die passende Theorie. Die Stabilität und Zukunftsfähigkeit einer Nation entscheidet sich am "Wir-Gefühl" und an der Durchsetzung des "Gewaltmonopols". Damit sind böse Begriffe wie Nationalismus und Diktatur bewusst umschifft, und die These lautet, dass auch ein Land ohne Demokratie und Menschenrechte erfolgreich sein kann, wenn es Wir-Gefühl schaffen und das Gewaltmonopol durchsetzen kann. Natürlich steht China sehr viel besser da als Deutschland, wo es kein Wir-Gefühl mehr gibt und das Gewaltmonopol des Staates nur mühsam aufrechterhalten wird. Zum Beleg für seine Theorie zieht Sieren immer wieder haarsträubende historische Vergleiche. Die derzeitige Lähmung Deutschlands erinnert ihn an das China des ausgehenden 19. Jahrhunderts kurz vor dem Ende der letzten Kaiserdynastie. Sierens Hauptanliegen aber ist die Wirtschaft. Hier ist Chinas Erfolgsrezept, den eigenen Markt gegen die fortschrittliche Technologie des Auslands einzutauschen, natürlich zu den Bedingungen Chinas. Wie der Kaiser sich seine Konkubinen aussuchte, bestimmt der Staat in der "Konkubinenwirtschaft" die Bedingungen für die ausländischen Konzerne, nutzt sie aus und lässt sie wieder fallen, wenn sie ihre Pflicht getan haben. Als Beispiel dient die Automobilindustrie, in der China keine ausländischen Mehrheits-Joint-Ventures zulässt, internationale Konkurrenten dazu zwingt, mit demselben Partner zu kooperieren und einen hohen lokalen Fertigungsanteil vorschreibt. Klar werden die Ausländer auch irgendwann wieder hinausgeworfen, wenn man sie nicht mehr braucht. Weil man es sich nicht leisten kann, auf den chinesischen Markt zu verzichten, sind die Ausländer auch noch so blöd und spielen dieses Spiel mit. Die Wirklichkeit ist leider etwas komplizierter. VW ist das beste Beispiel für ein Unternehmen, das vom staatlichen Einfluss extrem profitiert hat. Viele Jahre war der Markt durch hohe Zollbarrieren abgeschottet und der Absatz zu hohen Preisen garantiert. In den letzten Jahren hat sich das Bild gewandelt. Der Markt ist um ein Vielfaches gewachsen und in der Automobilindustrie herrscht intensiver Wettbewerb. VW muss sich wie überall in der Welt im Markt behaupten. Die Automobilindustrie ist das beste Beispiel, dass es der chinesischen Regierung gerade nicht gelungen ist, die von ihr proklamierte Politik durchzusetzen. Die jahrelangen Bemühungen, den Markzugang einzuschränken und die Industrie auf wenige Anbieter zu konzentrieren, sind von den Provinzen unterlaufen worden. Die von Sieren als Beleg für die Konkubinenwirtschaft angeführten Unternehmen BMW und Daimler Chrysler kooperieren mit Partnern, die niemals von der Regierung als zentrale Automobilhersteller angesehen und gefördert wurden. Ein anderer Blickwinkel führt hier zu einer ganz anderen Einschätzung. Die Automobilindustrie besitzt nicht wie von Sieren behauptet Modellcharakter, sondern gehört eher zu den Ausnahmen. In den meisten Branchen gibt es längst keine staatlichen Eingriffe und Einschränkungen mehr. Ein wesentlicher Grund für das Scheitern zahlreicher Joint Ventures - egal ob von Großunternehmen oder Mittelständlern gegründet - war, dass die ausländischen Investoren zu sehr auf staatlichen Einfluss statt auf den Markt gesetzt hatten. Die Idee, den chinesischen Markt gegen Technologie zu erhalten, hat nicht funktioniert, da die chinesischen Partner gerade nicht den Zugang zum Markt schaffen konnten und der Staat sich herausgehalten hat. Statt des Bildes vom Kaiser und seinen Konkubinen gleicht der chinesische Staat heute viel eher dem modernen Vater, der seine aufsässigen Töchter, die privaten Unternehmen einschließlich der ausländischen, immer weniger unter Kontrolle hat. Mit dem Begriff "Wir-Gefühl" verharmlost Sieren den chinesischen Nationalismus, der längst den Kommunismus als Ideologie abgelöst hat. Es ist richtig, dass damit das politische System stabilisiert wird, aber damit die langfristige Überlegenheit Chinas gegenüber dem Westen zu begründen, ist weit hergeholt. Ich meine, dass auch Chinesen trotz aller kultureller Unterschiede und anderer geschichtlicher Erfahrungen sich nicht auf Dauer politische Partizipationsrechte vorenthalten lassen. Das System muss deshalb nicht in wenigen Jahren zusammenbrechen, aber die heute schon zahlreichen Proteste von Bauern, aber auch von Intellektuellen, zeigen, dass China sich früher oder später mit demokratischen Reformen auseinandersetzen muss. Die von Sieren durchaus ernst gemeinte Vision von Deutschland als einem Freizeitpark für chinesische Touristen ist absurd. Man muss kein Optimist sein, was die Lösung der Probleme in Deutschland betrifft, aber Chinas Wachstumsmodell beruht auf Exporten, und irgendwo müssen die schließlich hingehen. Ein Blick in den Anmerkungen- und Literaturteil zeigt, dass Sieren ausschließlich deutsche und ausländische Quellen verwendet hat. Die Vermutung liegt nahe, dass er nicht nur kein Chinesisch spricht, sondern auch bewusst auf die zahlreichen fremdsprachigen Quellen aus China verzichtet hat. Nun kann man auch, ohne Chinesisch zu können, ein guter Journalist sein, aber dann sollte wenigstens eine gute und interessante Recherche erkennbar sein. Doch auch davon habe ich nichts gefunden. Das Buch wirkt auf mich, als sei es auf einem anderen Stern geschrieben worden. Sieren nimmt sich und seine Botschaft so ernst, dass er auch kein Gespür für die Absurditäten des chinesischen Alltags und der chinesischen Politik erkennen lässt. Andere deutsche China-Korrespondenten wie Johnny Erling oder Kai Strittmatter sind viel tiefer in die chinesische Wirklichkeit eingedrungen und trauen sich deshalb zu Recht nicht, China wie Sieren mit ein paar knalligen Thesen zu erklären. Leider fördert das nicht unbedingt die Auflagen.
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