Es ist schon einigermaßen seltsam, wie alles, das aus Nippon kommt, auf den ersten Blick westlich vertraut wirkt, bei genauerem Hinschauen dann aber eine seltsame Fremdheit offenbart. Und das gilt nicht nur für Unterhaltungselektronik oder Automobile, die sich äußerlich nicht groß von anderen unterscheiden, im Inneren aber meist um Einiges Ingeniöser sind als ihre westliche Konkurrenz. Und auch, dass es in Japan Schnellimbisse und Whisky-Destillen gibt, hat nicht zu bedeuten, dass es die selben Schnellimbisse und Destillen sind, die man im Westen anzutreffen gewohnt ist. So verhält es sich auch mit "Spirited Away", diesem Meisterwerk des Zeichentrickfilms, diesem geistvollen Märchen um Vertrauen, Erwachsenwerden, Selbstbestimmung und Umweltschutz (ja, auch der). Themen wie in einem Disney-Film, aber eine Geschichte, die voll ist von Verweisen auf den Shintoismus, auf japanische Bräuche und Gepflogenheiten und diese etwas andere Denke, die uns das "Rolling Sushi" gebracht hat, gottseidank. Auch die Musik von Joe Hisaishi klingt im ersten Moment vertraut, westlich, etwas glatt, fast zu glatt, wie funkelnde, scheinend brillante Fahrstuhlmusik. Ja, wenn das so einfach wäre. Was auf der Oberfläche wie geschmeidig dahingleitender Samt mit einer Spur zuviel Kitsch wirkt, ist in Wahrheit ein kompositorisches Meisterwerk, das an schlichter Eleganz und eleganter Schlichtheit seines Gleichen sucht. Was wie eine glatte, gefällige Oberfläche ausschaut (ein Beispiel ist das Sommer-Thema, das ein wenig wie seichter Nippon-Smooth-Jazz daherkommt) ist in Wirklichkeit das Resultat eines Kompositionsprozesses, der alles Überschüssige wegnimmt und nur noch das stehenlässt, was notwendig für die Partitur (und den Film) ist. Ich will hier nicht das ausgelutschte Bild vom japanischen Steingarten oder der Lotusblume benutzen, aber so ähnlich funktioniert diese Musik auch. Meisterhaft, wie Joe Hisaishi mit den Stilen spielt, wie er in der westlichen Musiktradition wildert und sich den Klängen des asiatischen Kulturraums bedient. Kurz gesagt: Eine herrlich-schöne Musik, bei der man kein schlechtes Gewissen haben braucht, sie zu hören, weil es eben "nur Filmmusik ist und nichts Gescheites". So gescheit wie Hisaishi muss man nämlich erst mal sein.