Der Biedermann Max Schwarzwald ist etwas selbstgerecht und kein besonders interessanter oder gar beliebter Zeitgenosse des Jahres 2064. Als Deutscher in Paris betreibt er - welch Ironie - ein Gourmet Lokal. Dieses Etablissement kann er sich nur durch die Zuwendungen leisten, die er als sogenannter Ashcroft-Mitarbeiter des 11. Pariser Arrondissements für das Aufspüren künftiger Verbrechen und Verbrecher gegen Staat und Gesellschaft Eurasiens erhält. Im Gegensatz zu seinem erfolgreichen, ja beinahe genialen, chinesischen Partner Chen sind Maxens Leistungen als Aufklärer und Speerspitze der Verteidigung demokratischer Ordnung und humanistischer Werte gegen vermeintliche Terroranschläge nachgerade bescheiden. Erst als sich herausstellt, dass der glückliche Chen offenbar ein Doppelspiel treibt und mit den Terroristen von hinter dem Zaun Eurasiens konspiriert, beginnt Max zu großer Form aufzulaufen.
Herrlicher Roman über Totalitarismus, angesiedelt zwischen Orwell'schem 1984 und Minority Report, von der Idee her vielleicht nicht wirklich originell bzw. originär, allerdings sehr beeindruckend in der Ausführung mit aktuellen Bezügen. Bald verteilt der Leser seine Sympathien, doch Max lässt sich nicht beirren, wenn es darum geht, einen Maulwurf in den eigenen Reihen, Staatsfeind und Terroristen zur Strecke zu bringen.
Jakob Arjouni stellt eindrucksvoll unter Beweis, dass er nicht bloss lustig-brutale Kayankaya-Krimis schreiben kann, sondern in Form und Inhalt gleichermaßen befriedigende Abhandlungen und Analysen über Staat, Gesellschaft und individuelle Moral. Man ist geneigt, diese Arbeit Arjounis (fast) an die Seite Kadares "Palast der Träume" zu stellen. Dass dem Autor stets der Schalk im Nacken sitzt, schadet kein bißchen. Für den ganz großen Wurf noch ein wenig zu novellenhaft, aber: Jedenfalls lesen und selbst beurteilen.