Ludwig unterstützt den Komponisten beim Erstellen seiner Werke. Dieses geschieht recht vielfältig, in meiner Rezension versuche ich das zu erklären.
Als Komponist bin ich selber in die Gruppe "Interessierter Laie" einzuordnen. Ich spiele seit ein paar Jahren Gitarre, habe Gefallen am Improvisieren gewonnen und auch einige Bücher über Musiktheorie gelesen. Aus dieser Sicht ist dann auch die Rezension geschrieben. Ich will auch keine Symphonien schreiben, sondern kleine Songs von knapp drei Minuten Dauer.
Warum gerade Ludwig 3.0 und nicht ein anderes Kompositionsprogramm? Es gibt ja mit Band-in-a-box oder Pro Logic ausgereifte Programme, die von vielen Musikern benutzt werden. Allerdings ist Ludwig von den Leuten entwickelt worden, die mit Fritz das beste Schachprogramm am Markt erstellt haben. Ludwig beruht auf ähnlichen Algorithmen und kann aus meiner Sicht besser selber komponieren als die anderen Programme, ist aber in der Handhabung teilweise ein wenig sperrig. Da ich selber eben noch Kompositionslaie bin, habe ich mich für Ludwig entschieden, denn das Programm liefert exzellente Ergebnisse ab für die Teile, die ich nicht selber schreibe.
Doch nun zum Aufbau und Umfang von Ludwig 3.0
Bedienung:
Das Programm hat analog zu den Officeprodukten von Microsoft eine Kopfleiste, unter der jeweils zusammengehörige Funktionen zusammengefasst sind. So gibt Bereiche fürs Laden/Speichern, Erstellen eigener Kompositionen, Einstellung von Optionen usw. Diese Neuerung gegenüber Ludwig 2 ist sehr praktisch und erleichtert das Navigieren im Programm.
Unterstützung der Komposition:
Stark vereinfacht besteht eine Komposition aus dem Text (Lyrics), der Melodie (oder den Melodieteilen) und den entprechenden Harmonien dazu (Akkorde). Wenn man diese Teile beisammen hat, dann kann man den Song weiter ausgestalten. Ludwig unterstützt das wie folgt:
Lyrics: hier muss von zuerst seine Melodie komponiert haben und kann dann zeilenweise den Text zur Melodie dazuschreiben. Es gibt ein paar Möglichkeiten Silben zu dehnen und den Text dem potentiellen Gesang anzupassen. Allerdings strahlt der Texteditor den Charme der Textverarbeitung der Achtziger Jahre aus - also unkomfortabler Zeileneditor. Es geht zwar, aber ist zäh.
Melodie: Ludwig kann selber komponieren, aber da die Melodie die Seele meines Stücks ist, schreibe ich sie selber. Dazu bekomme ich ein keyboard angegeben und einen recht passablen Noteneditor. Der ist ganz einfach zu bedienen, das einzige Problem ist, dass er die Takte immer automatisch vervollständigt. Also wenn ich 4/4-Takt habe und verlängere die erste Note, dann ist der Takt natürlich nicht mehr korrekt - Ludwig merkt das und baut irgendwo anders Viertel in Achtel um. Das ist nervig, ich hätte lieber, dass er mich erst arbeiten läßt und am Ende anmerkt, wenn etwas syntaktisch nicht passt. Trotzdem ist die Eingabe der Melodie okay und man kann auch selber auf dem virtuellen keyboard Melodien finden oder eben ein externes keyboard anschließen.
Akkorde: Ich suche die Akkorde zur Melodie erstmal selber und speicher mein Ergebnis ab, dann lasse ich Ludwig welche finden und hier agiert er meisterhaft. Ich kann Optionen einstellen, ob ich mehr klassisch oder in Richtung Jazz gehen will, kann die Zahl der Akkorde vorgeben usw. Ludwig findet in der Regel besser klingende Akkorde als ich. Ich nehme dann meist seine Vorgaben als Blaupause und verfeinere seine Vorschläge. Auf jeden Fall ist Ludwig hier sehr stark.
Ablauf des Songs:
Wenn man Lieder schreiben will, dann braucht man gewisse Teile und eine Ablaufstruktur. Meinetwegen nehme ich einen einfachen Song, der vierzeilige Verse enthält, die sich mit einem Refrain (Chorus) abwechseln. Ein Song hätte dann z. B. die einfache Struktur: Intro - Vers 1 - Chorus 1- Vers 2 - Chorus 2 - Vers 3 - Chorus 3.
Leider unterstützt Ludwig nur einzelne Kompositionszeilen, so dass ich die oben genannte Struktur in einem Ablaufplan zeilenweise angeben muss. Das ist leider sehr unübersichtlich und gewöhnungsbedürftig. Hier wäre besser gewesen, wenn ich z. B. vier Textzeilen zu einem Block "Vers" zusammenfassen könnte und im Ablauf entsprechend einsetzen.
Wie auch immer, wenn man seine Struktur hat für den Song, kann man mit Ludwig den Ablauf zeilenweise festlegen und damit bekommt man einen kompletten Song.
Arrangement:
Wenn man der Rezension bis hierhin folgt, dann hätten wir einen Song entwickelt mit Melodie, Akkorden und Text, dazu auch einen Ablaufplan, der festlegt, wann und wie oft welche Teile gespielt werden. Aber wir wissen noch nicht, welche Instrumente spielen, wie schnell der Song wird und wie der Rythmus aussieht.
Am enfachsten ist, wenn man ein neues Arrangement erstellt, dabei im Hinterkopf in etwa die Instrumentierung weiß und dann von den vorgefertigen (Hunderten) von Arrangements eines auswählt. Das Spektrum ist gewaltig - vom ganzen Symphonieorchester bis hin zur Sologitarre mit Gesang. Der Anwender sucht sich ein Arrangement aus und lehnt sich dann zurück und schaut sich an, wie Ludwig dieses auf den erstellten Song anwendet.
Aus meiner Sicht ist genau das DIE Stärke von Ludwig. Er schreibt zur Melodie des Anwenders Gegenstimmen, Voicings, Bassbegleitung und was auch immer. Hier übertrifft er meine Kenntnisse als Laie bei Weitem und ich kann nur versuchen nachzuvollziehen, was die einzelnen Teile bedeuten. Heraus kommt eine Partitur, die zum vorgegebenen Musikstück genau die ausgesuchten Instrumente einsetzt.
Zu den einzelnen Instrumenten gibt es im Arrangement noch etliche Festlegungen, die recht komplex sind und Kenntnisse zur Musiktheorie voraussetzen. Mir reicht das automatisch Arrangieren von Ludwig nicht und so muss ich mich mit den Details hier intensiv beschäftigen. Das geht ganz gut, weil man die Partitur natürlich speichern kann und wenn man nur eine Stimme ändert, sieht man halt, was Ludwig dann anders macht.
Wenn man dann einsteigt in das Entwickeln eigener Arrangements, dann hilft das Handbuch oft nur wenig weiter, ich verwende da viel Zeit drauf und empfinde das als schwierig, aber eben auch als lohnend, weil das Auskomponieren der Stimmen ja eine der Hauptaufgaben des Komponisten ist.
Begleitstil:
Nun kommen wir zum schwierigsten Kapitel von Ludwig, dem Begleitstil. Wir haben der bisherigen Rezension folgend einen Song entwickelt, den Ablauf festgelegt und auch die Instrumentierung ist fertig. Nun müssen wir aber noch entscheiden, welchen Rythmus wir wählen, wo Betonungen liegen, ob Gitarren gezupft oder angeschlagen werden usw.
Hier gibt es vorgefertigte Szenarien, die z. B. für Jazz, Pop etc. passen. Wenn man allerdings selber bestimmen will, wie das Instrument einzusetzen ist, dann geschieht das mit einer recht sperrigen und komplexen Skriptsprache. Für Gitarrenbegleitung kann ich die noch so einigermaßen verstehen, beim Schlagzeug kam ich schon nicht wirklich mehr zurecht.
Die Begleitstile sind absolut wichtig, weil der Sound des Songs ganz stark davon abhängt.
Weiteres:
Man kann noch viel mehr machen mit Ludwig. Ich schreibe mir z. B. Akkordfolgen und lasse ihn diese spielen als Swing von einer Band, die ich mir zusammenstelle. Dann kann ich dazu improvisieren und spiele also mit einem virtuellen Orchester.
Dann kann man in seinenen Songs auch Dramastufen verwenden. Diese gibt es zu allen vorgefertigten Arrangements und bedeuten, dass an dedizierten Stellen lauter gespielt wird bzw. mehr Instrumente zum Einsatz kommen.
Das Handbuch von Ludwig 3.0 ist didaktisch sorgsam aufgebaut und sollte konsequent mehrfach durchgearbeitet werden. Damit kann man dann wirklich das Programm auch ordentlich verwenden.
Ludwig liefert eine Songdatenbank mit, die Hunderte von Songs enthält. Ich experimentiere immer damit, dass ich diese Songs mit ganz anderen Instrumentierungen ausprobiere, was irgendwie recht interessant ist - also z. B. ein klassisches Stück mit einer Countryband oder einen Folksong mit einem Orchester.
Kritik:
Mir gefällt das Programm und ich empfehle es allen, die selber Musik komponieren möchten. Allerdings hätte ich gern, dass für die Entwicklung von Stilen und Arrangements eine völlig andere Benutzerführung vorliegt, gerade bei den Stilen könnte man z. B. Ludwig klare Vorgaben machen in Form einer graphischen Benutzerberfläche, wie es sie z. B. bei Garage Band gibt. Das Herumprobieren mit der Skriptsprache ist einfach nicht mehr zeitgemäß.
Ich hätte gerne, dass ich Akkorde vorgebe und Ludwig dazu Melodien entwickelt. Das geht irgendwie nicht, leider. Es wäre auch gut, wenn er Rythmen vorschlagen würde, die zu Melodien/Akkorden passen und ich diese dann weiterentwickeln könnte. Mit der Kompositionsengine sollte das möglich sein.
Im Prinzip sollte es möglich sein, Midi-files einzulesen und diese dann weiter zu bearbeiten. Praktisch funktioniert das herzlich schlecht, meine Partituren aus Guitar Pro laufen fast allesamt nicht mit Ludwig zusammen. Das ist natürlich schade, denn damit könnte ich tausende von populären Songs weiter bearbeiten.
Fazit:
In der Masse der Kompositionssoftware ist ein kleines Juwel aufgetaucht - Ludwig. Ludwig ist ein sehr mächtiges Kompositionsprogramm, welches den Musiker vielseitig unterstützen kann. In der neuen Version 3.0 erscheint das Programm einsteigerfreundlicher und ausgereifter.
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