Dieses in englischer Sprache verfaßte Buch des britischen Großmeisters Neil Mcdonald portraitiert Spieler, deren Stil der Autor mit "Power Play" beschreibt. McDonald versteht darunter Spieler, die in einer Mischung aus Vorbereitung, Psychologie und Dynamik ihre Gegner niederzuringen suchen - als Beispiele dienen Paul Morphy, Alexander Aljechin, Efim Geller, David Bronstein und Weselin Topalov. Anhand insgesamt 88 ausgewählter Partien dieser fünf Spieler möchte der Verfasser dem Leser die Prinzipien und Bekämpfungsmethoden dieses Stils näher erläutern.
Die Partien sind ziemlich spartanisch kommentiert und fokusieren im wesentlichen auf die Schlüsselmomente der jeweiligen Partie, in denen es die oben angedeuteten Prinzipien anzuwenden gilt. In diesem Zusammenhang sei einmal auf die Partienauswahl eingegangen. Neben einigen hervorragend ausgewählten Beiträgen (Topalov - Rozentalis, Batumi 1999 oder Timman - Geller, Hilversum 1973) gibt es aber auch einige, deren Aufnahme in diese Sammlung nur bedingt Sinn macht: wer würde beispielsweise heutzutage mit Schwarz das angenommene Königsgambit wählen, wenn einem der Gegner den Springer auf b1 vorgibt? Solche Partien von Morphy verdeutlichen meines Erachtens eher elementare Prinzipien des Schachspiels, mit denen schon bald ehrgeizige Anfänger konfrontiert werden. Hinzu kommt, daß einige der Gegner von Paul Morphy (wofür dieser natürlich nichts konnte) sich nach heutigen Maßstäben einfach unterirdisch verteidigten und den Wert der Partie damit drastisch senkten. Die wenigen Partien Morphys mit würdigen Gegnern entschädigen dafür einigermaßen, aber die schwächeren Partien wären im Kontext dieses Buches entbehrlich gewesen. Nicht ganz nachzuvollziehen ist auch die Tatsache, daß die berühmte Partie Topalov-Anand (Sofia 2005) nicht den Weg in dieses Buch fand, obwohl sie meines Erachtens ein Paradebeispiel für Power Play darstellt. Dennoch bleibt festzuhalten, daß nicht nur sattsam bekannte, sondern auch weniger berühmte und dennoch geeignete Partien der Helden dieses Buches herangezogen wurden, um die Grundsätze des Power Play zu verdeutlichen.
Die Kommentierung hätte im Sinne schwächerer Spieler bisweilen ein wenig ausführlicher geraten können, doch ab einer gewissen Spielstärke (ab DWZ 1700) sollte es möglich sein, dem Buch - notfalls mit Computer - problemlos folgen zu können. Der Autor beschränkt sich nur auf die wesentlichsten Varianten und überfrachtet die Partien nicht, so daß sich auch Schachfreunde mit wenig Zeit rasch ein oder zwei Partien zu Gemüte führen können. Bei gründlichem Studium des Buches ist ein Zuwachs an Spielstärke daher durchaus zu erwarten. Mit typisch britischem Humor spart der Autor übrigens auch nicht - selten genug, daß Schachbücher heutzutage auch noch so kommentiert werden.
Das Layout und die Druckqualität sind sehr gut; allerdings hat der Everyman-Verlag das für ihn typische Menetekel der Druckfehler immer noch nicht restlos im Griff. An dem Problem wurde gearbeitet, aber solche Schnitzer wie fehlende Halbzüge (6. ... Sxc3 in Topalov - Rozentalis, S. 49) sollten dennoch nicht passieren.
Die oben geschilderten handwerklichen Mängel verdeutlichen, daß McDonald wohl noch nicht zur absoluten Topriege der schreibenden Zunft in Sachen Schach gehört. Dennoch ist sein bemerkenswertes Buch eine sinnvolle Anschaffung für Vereinsspieler, die ihrem Spiel mehr Schärfe verleihen oder angriffslustigen Gegnern den Zahn ziehen wollen. Fazit: kurzweilige Unterhaltung mit solidem Tiefgang, die trotz Abstrichen Appetit auf mehr macht.