"Chess Bitch" von Jennifer Schahade versucht, vielen Ansprüchen gerecht zu werden: Zum einen eine Art Sozialgeschichte des Spiels des Könige aus weiblicher Perspektive nachzuzeichnen, zum anderen die persönlichen Erfahrungen der Autorin in der Welt des Profi-Schachs zu dokumentieren.
Die historische Entwicklung weiblicher Beteiligung im Schach hat laut der Autorin erst Anfang des 20. Jahrhunderts des Bemerkens werte Anfänge genommen. Die Autorin schildert recht plastisch und nicht ohne gesellschaftskritisch-feministischen Anspruch die wechselvolle Geschichte des Frauen-Schach, einer Geschichte, die von Sexismus und kruden Geschlechtertheorien geprägt zu sein scheint.
Parallel legt sie ihren persönlichen Werdegang dar, mit einem Schwerpunkt auf ihrer Beziehung zum Schach.
Die Trennung der Geschlechter im Schach ist nach wie vor ein wichtiges und kontrovers diskutiertes Thema: Die Aufteilung der Turniere und der Ranglisten wird von den Großmeisterinnen als diskriminierend und überholt empfunden.
In loser Folge von Episoden schildert Shahade ihre Erfahrungen als professionelle Schachspielerin bei weltweit stattfindenden Turnieren und zeichnet die Werdegänge vieler ihrer Kolleginnen nach, die offenkundig auf dem Weg zum sportlichen Erfolg viel Selbstdisziplin benötigen. Der erzählerische Fluss wird durch Name-Dropping aufrecht erhalten. Die Autorin zitiert biografische Kurzabrisse der Schachmeisterinnen, wobei sie immer auch strategische Parallelen zu den Besonderheiten des Schachspiels bemüht. Der Geschlechterkampf ist in der Schachwelt offensichtlich noch recht virulent; die professionellen Schachspielerinnen sahen sich, so die Autorin, zumeist in der Zwangslage sich in Abgrenzung zu profilieren und über ihre Geschlechterrolle prädefiniert.
Der Ton des Titels ist verhältnismäßig jugendlich und teilweise auch salopp, und zeichnet sich weiterhin durch einen gewissen „jung-akademischen“ Stil aus, vor allem was die Passagen über die Geschlechterrollen anbetrifft. Die vielfach eingestreuten O-Töne der einzelnen SchachspielerInnen bringen ein wenig Farbe in den Text. In außerordentlichem Maße stilistisch ziseliert ist „Chess Bitch“ nicht.
Fazit:
„Chess Bitch“ vereint sowohl Elemente einer Auto-Biografie wie einer Kulturgeschichte des Frauenschachs auf sich. Leider ist diese Zwitterstellung nicht unbedingt der Lesbarkeit zuträglich, da es an Struktur fehlt und die inhaltlichen Überleitungen oft unsauber und schwer nachzuvollziehen sind. Die Beispiele sind eher episodischer Natur, der theoretisch-strategische Überbau gerät in den Hintergrund.
Fazit: Allein für Schachspielerinnen bedingt empfehlenswert.