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Neu übersetzte Colette-Romane
Ein Blick auf die Titel genügt: «Gigi», «Mitsou», «Minne», «Chéri», «Le Toutounier». Verkleinerungsformen. Baby talk. Sind solche Bücher ernst zu nehmen?
Auch der Autorenname klingt wie ein Kosename: Colette (wenige wissen, dass dies der Name des Vaters, Capitaine Jules-Joseph Colette, war). Sidonie Gabrielle Colette (18731954) schrieb an die siebzig Bücher am bekanntesten ist die «Claudine»-Serie: «Claudine à l'école», «Claudine à Paris», «Claudine amoureuse» und so weiter. Das Gesamtwerk, fünfzehn Bände, ist zunächst bei Flammarion erschienen, dann, 1984, auch in der renommierten Bibliothèque de la Pléiade. Die Autorin hatte zu ihren Lebzeiten eine grosse Leserschaft; die meisten Bücher sind in alle europäischen Sprachen übersetzt worden. Und dennoch ist Colette in den Kanon der französischen Literaturgeschichte nicht aufgenommen. Das mag damit zusammenhängen, dass französische Autorinnen an französischen Schulen und Universitäten im allgemeinen nur wenig behandelt werden, Colette darüber hinaus als unmoralisch galt, für viele deshalb tabu und von der Wissenschaft überhaupt für zu leicht befunden war.
Biographien und Alben gibt es aber zahlreich. Nun, Colette war bis ins Alter fesselnd schön, strahlte Sinnlichkeit, Energie, Freiheit und Ungebundenheit aus Reflex eines unbezähmbaren und ungewöhnlichen Lebens. So machte sie nicht nur eine Karriere, sondern mehrere: als Ehefrau und Mutter, Schriftstellerin, Abenteurerin im dekadenten Paris um die Jahrhundertwende, als Variété-Künstlerin, Mimin, Geliebte der berühmten Missy alias Marguerite de Belbeuf, als Journalistin (während des Ersten Weltkriegs), als Gesellschafterin an der Seite von Baron Henry de Jouvenel, als Freundin berühmter Literaten und Künstler. Zuletzt lebte sie als gefeierte grande dame de lettres im Palais Royal und bekam, obwohl zweimal geschieden, ein Staatsbegräbnis.
Durch Willy, ihren ersten Mann, wurde Colette zur Schriftstellerin, denn sie schreib die «Claudine»-Romane unter seiner Regie. Die gezielte Ausbeutung erwies sich letztlich für sie als vorteilhaft. Unter seinem Namen hatten die Romane grosse Erfolge, und die Debütantin konnte das Handwerk lernen, ohne sich um den Markt kümmern zu müssen.
Offenheit und Scham
Leben und Schreiben flossen bei Colette mehr als bei anderen Autoren zusammen; so sind ihre Texte auf subtile Weise immer autobiographisch in einer Mischung aus kühner Direktheit und Zurückhaltung, aus Offenheit und Scham. Colette gab vor, Claudine in der Stadt zu sein, inszenierte sich als Renée und Léa auf der Bühne, schreib auch im Namen von Sido, ihrer Mutter, der sie sehr ähnlich war, lebte mit und in ihren vielfältigen Genres: Romanen, Tagebüchern, Briefen, Novellen und Theaterstücken.
Mit «Chéri» (1920), dessen ersten Teil Colette als Endvierzigerin schreibt, geht die Fiktion sogar dem Leben voraus. Der Roman handelt von der Liebe einer reifen Frau zu einem sehr jungen und sehr schönen Mann, einer Liebe, die Colette selbst noch nicht gekannt hatte. Wie das Leben die Fiktion übernimmt, dafür gibt es kaum ein schöneres Beispiel: Colette gab ihrem Stiefsohn Bertrand de Jouvenel ein Exemplar von «Chéri» und widmete es ihrem Sohn «chéri», wobei sie den Titel des Buches für ihre Widmung mitverwendete. Wer Chéri war oder sein konnte, schrieb sie somit fest. Und die Affäre mit Bertrand begann. Colette hatte die Szene, in der «Chéri» in ihr Schlafzimmer eindringt, bereits antizipiert aus Léas Perspektive, einer Kurtisane der besseren Kreise.
Im Roman ist Chéri ein Luxusgeschöpf, das die ungewöhnliche Liebesbeziehung nach einigen Jahren zugunsten einer finanziell attraktiven Ehe aufgibt. Der von der souveränen und humorvollen Léa verwöhnte Junge wird versuchen, sich von der älteren Freundin zu emanzipieren, doch der Schritt in die Selbständigkeit misslingt. Als der Narziss nach den ersten Ehemonaten sehnsüchtig in Léas Arme zurückkehrt, werden sich beide nach einer kurzen Phase heftiger Leidenschaft des Altersunterschiedes bewusst. Überhaupt durchziehen sensible Beobachtungen über das Altern, Bilder, Visionen und Schreckensvisionen das sonst so süsse Leben und Treiben dieser Lebenskünstlerin, deren Drama darin besteht, sich der Schönheit des jungen Mannes verschrieben zu haben. Léas innerer Konflikt wird in «Chéris Ende» (1926) aufgelöst. Der Folgeband handelt vordergründig von einem lebensmüden Mann (Chéri), der, aus dem Ersten Weltkrieg heimgekehrt, keinen Lebenssinn mehr findet und sich schliesslich tötet.
André Maurois hat einmal gesagt, dass Colette «die erste Frau war, die wie eine Frau schrieb». Er meinte damit, dass sie ihren Platz gekannt hat, der zu Hause ist und sich auf das rein Private und Persönliche beschränkt. Die neuere Literaturwissenschaft sieht das differenzierter. Mit all ihrer häuslichen Nonchalance hat Colette die häusliche Erfahrung «umgeschrieben», hat Geschlechterrollen neu definiert, Geschlechterbeziehungen «umformuliert». Schon André Gide sah «Chéri» als weibliches Gegenstück zu Benjamin Constants «Adolphe». Aber auch im Vergleich zu den anderen Klassikern dieses Themas, Stendhals «Le Rouge et le Noir» und Flauberts «Education sentimentale», vergrösserte Colette nicht nur den Altersunterschied beträchtlich, sondern begründete auch das Scheitern der Liebesbeziehung psychologisch anders. War traditionellerweise die Geliebte eine (potentielle) Ehebrecherin, so ist es hier die männliche Hauptfigur, während die weibliche frei und ungebunden ist. Durch eine unkonventionelle Figurenkonstellation und Erzählperspektive steht nicht mehr der Titelheld im Zentrum des Interesses, sondern die, die bisher immer die «Begehrte» war. Die männliche Hauptfigur endet als Müssiggänger und Selbstmörder, die weibliche arrangiert sich mit dem Leben und dem Altern.
Der andere Blick
Mittlerweile wird in Colettes Werk der «andere Blick» auf die Dinge erkannt; ihre Romane werden u. a. als Gegenbeweis zu Freuds Theorie angeführt, dass Frauen kein «Begehren» hätten. Nicole Ward Jouve hat 1987 minuziös nachgezeichnet, wie bei «Willy», «Colette Willy», «Madame Colette» und «Colette», die Leben und Schreiben weder chronologisch noch hierarchisch trennen, das eigene «Begehren» zu Spracherwerb, Identitäts- und Namensfindung führt.
In den neunziger Jahren ist es zu einer Colette-Renaissance gekommen. Monographien, Biographien, wissenschaftliche Arbeiten zuhauf (die Biographie von Fernande Gonthier und Claude Francis erscheint demnächst). Der Zsolnay-Verlag hat mit der Neuedition des gesamten Werks in Einzelausgaben begonnen. Die neue Übersetzung von Roseli und Saskia Bontjes van Beek ist ausgezeichnet Ton und Wortwahl stimmen; sie wird die Autorin von manchen Klischeeurteilen befreien helfen. Die kleine Verlagsbroschüre «Vom Enfant terrible zur Kultautorin» macht Spass mit ihren Photographien, einer Chronik und Beiträgen über Colette von ihren Freunden und Bewunderern: Marcel Proust, André Gide, Simone de Beauvoir, Marguerite Yourcenar, Jean Cocteau und anderen. Die unvergessliche Skizze von Nathalie Clifford Barney ist in der Anthologie «Frei und Frau» (Bollmann-Verlag, 1993) abgedruckt.
Renate Kroll -- Dieser Text bezieht sich auf eine vergriffene oder nicht verfügbare Ausgabe dieses Titels.
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