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Cheri
 
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Cheri [Taschenbuch]

Colette , Roseli Bontjes van Beek , Saskia Bontjes van Beek
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Produktinformation

  • Taschenbuch: 165 Seiten
  • Verlag: Fischer (Tb.), Frankfurt; Auflage: 4 (3. Februar 2012)
  • Sprache: Deutsch
  • ISBN-10: 3596142164
  • ISBN-13: 978-3596142163
  • Größe und/oder Gewicht: 19,5 x 11,9 x 1,4 cm
  • Durchschnittliche Kundenbewertung: 4.0 von 5 Sternen  Alle Rezensionen anzeigen (1 Kundenrezension)
  • Amazon Bestseller-Rang: Nr. 50.524 in Bücher (Siehe Top 100 in Bücher)

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Colette
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Produktbeschreibungen

Neue Zürcher Zeitung

Geliebter Junge, junger Geliebter

Neu übersetzte Colette-Romane

Ein Blick auf die Titel genügt: «Gigi», «Mitsou», «Minne», «Chéri», «Le Toutounier». Verkleinerungsformen. Baby talk. Sind solche Bücher ernst zu nehmen?

Auch der Autorenname klingt wie ein Kosename: Colette (wenige wissen, dass dies der Name des Vaters, Capitaine Jules-Joseph Colette, war). – Sidonie Gabrielle Colette (1873–1954) schrieb an die siebzig Bücher – am bekanntesten ist die «Claudine»-Serie: «Claudine à l'école», «Claudine à Paris», «Claudine amoureuse» und so weiter. Das Gesamtwerk, fünfzehn Bände, ist zunächst bei Flammarion erschienen, dann, 1984, auch in der renommierten Bibliothèque de la Pléiade. Die Autorin hatte zu ihren Lebzeiten eine grosse Leserschaft; die meisten Bücher sind in alle europäischen Sprachen übersetzt worden. Und dennoch ist Colette in den Kanon der französischen Literaturgeschichte nicht aufgenommen. Das mag damit zusammenhängen, dass französische Autorinnen an französischen Schulen und Universitäten im allgemeinen nur wenig behandelt werden, Colette darüber hinaus als unmoralisch galt, für viele deshalb tabu und von der Wissenschaft überhaupt für zu leicht befunden war.

Biographien und Alben gibt es aber zahlreich. Nun, Colette war bis ins Alter fesselnd schön, strahlte Sinnlichkeit, Energie, Freiheit und Ungebundenheit aus – Reflex eines unbezähmbaren und ungewöhnlichen Lebens. So machte sie nicht nur eine Karriere, sondern mehrere: als Ehefrau und Mutter, Schriftstellerin, Abenteurerin im dekadenten Paris um die Jahrhundertwende, als Variété-Künstlerin, Mimin, Geliebte der berühmten Missy alias Marguerite de Belbeuf, als Journalistin (während des Ersten Weltkriegs), als Gesellschafterin an der Seite von Baron Henry de Jouvenel, als Freundin berühmter Literaten und Künstler. Zuletzt lebte sie als gefeierte grande dame de lettres im Palais Royal und bekam, obwohl zweimal geschieden, ein Staatsbegräbnis.

Durch Willy, ihren ersten Mann, wurde Colette zur Schriftstellerin, denn sie schreib die «Claudine»-Romane unter seiner Regie. Die gezielte Ausbeutung erwies sich letztlich für sie als vorteilhaft. Unter seinem Namen hatten die Romane grosse Erfolge, und die Debütantin konnte das Handwerk lernen, ohne sich um den Markt kümmern zu müssen.

Offenheit und Scham

Leben und Schreiben flossen bei Colette mehr als bei anderen Autoren zusammen; so sind ihre Texte auf subtile Weise immer autobiographisch – in einer Mischung aus kühner Direktheit und Zurückhaltung, aus Offenheit und Scham. Colette gab vor, Claudine in der Stadt zu sein, inszenierte sich als Renée und Léa auf der Bühne, schreib auch im Namen von Sido, ihrer Mutter, der sie sehr ähnlich war, lebte mit und in ihren vielfältigen Genres: Romanen, Tagebüchern, Briefen, Novellen und Theaterstücken.

Mit «Chéri» (1920), dessen ersten Teil Colette als Endvierzigerin schreibt, geht die Fiktion sogar dem Leben voraus. Der Roman handelt von der Liebe einer reifen Frau zu einem sehr jungen und sehr schönen Mann, einer Liebe, die Colette selbst noch nicht gekannt hatte. Wie das Leben die Fiktion übernimmt, dafür gibt es kaum ein schöneres Beispiel: Colette gab ihrem Stiefsohn Bertrand de Jouvenel ein Exemplar von «Chéri» und widmete es ihrem Sohn «chéri», wobei sie den Titel des Buches für ihre Widmung mitverwendete. Wer Chéri war oder sein konnte, schrieb sie somit fest. Und die Affäre mit Bertrand begann. Colette hatte die Szene, in der «Chéri» in ihr Schlafzimmer eindringt, bereits antizipiert – aus Léas Perspektive, einer Kurtisane der besseren Kreise.

Im Roman ist Chéri ein Luxusgeschöpf, das die ungewöhnliche Liebesbeziehung nach einigen Jahren zugunsten einer finanziell attraktiven Ehe aufgibt. Der von der souveränen und humorvollen Léa verwöhnte Junge wird versuchen, sich von der älteren Freundin zu emanzipieren, doch der Schritt in die Selbständigkeit misslingt. Als der Narziss nach den ersten Ehemonaten sehnsüchtig in Léas Arme zurückkehrt, werden sich beide nach einer kurzen Phase heftiger Leidenschaft des Altersunterschiedes bewusst. Überhaupt durchziehen sensible Beobachtungen über das Altern, Bilder, Visionen und Schreckensvisionen das sonst so süsse Leben und Treiben dieser Lebenskünstlerin, deren Drama darin besteht, sich der Schönheit des jungen Mannes verschrieben zu haben. – Léas innerer Konflikt wird in «Chéris Ende» (1926) aufgelöst. Der Folgeband handelt vordergründig von einem lebensmüden Mann (Chéri), der, aus dem Ersten Weltkrieg heimgekehrt, keinen Lebenssinn mehr findet und sich schliesslich tötet.

André Maurois hat einmal gesagt, dass Colette «die erste Frau war, die wie eine Frau schrieb». Er meinte damit, dass sie ihren Platz gekannt hat, der zu Hause ist und sich auf das rein Private und Persönliche beschränkt. – Die neuere Literaturwissenschaft sieht das differenzierter. Mit all ihrer häuslichen Nonchalance hat Colette die häusliche Erfahrung «umgeschrieben», hat Geschlechterrollen neu definiert, Geschlechterbeziehungen «umformuliert». Schon André Gide sah «Chéri» als weibliches Gegenstück zu Benjamin Constants «Adolphe». Aber auch im Vergleich zu den anderen Klassikern dieses Themas, Stendhals «Le Rouge et le Noir» und Flauberts «Education sentimentale», vergrösserte Colette nicht nur den Altersunterschied beträchtlich, sondern begründete auch das Scheitern der Liebesbeziehung psychologisch anders. War traditionellerweise die Geliebte eine (potentielle) Ehebrecherin, so ist es hier die männliche Hauptfigur, während die weibliche frei und ungebunden ist. Durch eine unkonventionelle Figurenkonstellation und Erzählperspektive steht nicht mehr der Titelheld im Zentrum des Interesses, sondern die, die bisher immer die «Begehrte» war. Die männliche Hauptfigur endet als Müssiggänger und Selbstmörder, die weibliche arrangiert sich mit dem Leben und dem Altern.

Der andere Blick

Mittlerweile wird in Colettes Werk der «andere Blick» auf die Dinge erkannt; ihre Romane werden u. a. als Gegenbeweis zu Freuds Theorie angeführt, dass Frauen kein «Begehren» hätten. Nicole Ward Jouve hat 1987 minuziös nachgezeichnet, wie bei «Willy», «Colette Willy», «Madame Colette» und «Colette», die Leben und Schreiben weder chronologisch noch hierarchisch trennen, das eigene «Begehren» zu Spracherwerb, Identitäts- und Namensfindung führt.

In den neunziger Jahren ist es zu einer Colette-Renaissance gekommen. Monographien, Biographien, wissenschaftliche Arbeiten zuhauf (die Biographie von Fernande Gonthier und Claude Francis erscheint demnächst). Der Zsolnay-Verlag hat mit der Neuedition des gesamten Werks in Einzelausgaben begonnen. Die neue Übersetzung von Roseli und Saskia Bontjes van Beek ist ausgezeichnet – Ton und Wortwahl stimmen; sie wird die Autorin von manchen Klischeeurteilen befreien helfen. Die kleine Verlagsbroschüre «Vom Enfant terrible zur Kultautorin» macht Spass – mit ihren Photographien, einer Chronik und Beiträgen über Colette von ihren Freunden und Bewunderern: Marcel Proust, André Gide, Simone de Beauvoir, Marguerite Yourcenar, Jean Cocteau und anderen. Die unvergessliche Skizze von Nathalie Clifford Barney ist in der Anthologie «Frei und Frau» (Bollmann-Verlag, 1993) abgedruckt.

Renate Kroll -- Dieser Text bezieht sich auf eine andere Ausgabe: Gebundene Ausgabe .

Pressestimmen

'Ich habe Cheri in einem Atemzug verschlungen. Welch bewundernswertes Thema haben Sie aufgegriffen! Und mit welcher Intelligenz, welcher Meisterschaft, welchem Verständnis für die uneingestandensten Geheimnisse des Fleisches! Welche Sicherheit in der Federführung, welche Natürlichkeit in den Dialogen. Und diese wunderbaren Nebenfiguren! Schon möchte ich es wiederlesen'. (Andre Gide)

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8 von 8 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
Format:Gebundene Ausgabe
Wenn ich empfehlen darf: schauen Sie sich zuerst unbedingt den Kinofilm mit dem gleichen Titel an, bevor Sie zum Buch greifen.

Colette erzählt in diesem Roman eine Liebesgeschichte und damit die Lebensgeschichte von Frédéric Peloux (genannt Chéri). Er wächst als Sohn einer Prostituierten (Charlotte Peloux) der besseren Kreise in Paris am Anfang des 20. Jahrhunderts auf. Sie lässt ihn von den Hausangestellten erziehen. An Geld mangelt es ihm nicht, wohl aber an Wärme, Aufmerksamkeit und Zuwendung und vor allem an Liebe. "Er lispelte noch, als er bereits den vulgären Klatsch im Dienstbotenzimmer aufschnappte. Er nahm an den heimlichen Gelagen in der Küche teil. ... Er verdarb sich den Magen mit zuviel Bonbons, und er hatte Bauchweh vor lauter Hunger, weil sein Abendessen vergessen worden war." Erst gerade 19jährig ist er schon ausgebrannt und zeigt die ersten Züge der Depression und seine "besorgte" Mutter "vertraut" ihn einer ehemaligen Kollegin und Rivalin, der Edelkurtisane, Léa de Lonval an und hofft, dass sie aus ihm einen Mann macht. Léa kennt Chéri seit seiner Geburt, sie ist eine Art Patentante. Er nennt sie Nounoune. Léa hat mit 49 gerade ihre erfolgreiche Karriere beendet und wendet sich Chéri voller Zärtlichkeit zu. Daraus wird eine Liaison, die nach 6 Jahren abrupt endet, als Chéri Edmée (19, ebenfalls eine Kurtisanentochter) auf Charlottes Initiative hin quasi von heute auf morgen heiratet. Er tut dieses nicht nur aus materiellen Erwägungen (Edmée besitzt ein Vermögen und weiss damit umzugehen), sondern um sich von der älteren Freundin zu emanzipieren. Doch der Schritt in die Selbständigkeit mißlingt und erst 6 Jahre später erkennt Chéri dass er außer Léa keine andere Frau lieben kann, die Schicksalhaftigkeit in der Bindung zu ihr und die Konsequenz.

Im Buch stehen die Charaktere im Vordergrund, weniger die Geschehnisse, es ist nicht so viel Handlung vorhanden. Die Gefühle, Motive, das Verhalten der einzelnen Figuren werden von Colette tiefgründig und mit viel Sensibilität beschrieben. Es ist ein wahrer Lesegenuss.

Wenn man den Film zuerst anschaut, bekommt man ein erstes Gefühl dafür, ob einen das Thema überhaupt anspricht und erst dann lohnt es sich, das Buch zu lesen. Bei mir war es so, ich hatte den dringenden Wunsch, mehr zu erfahren. Insbesondere über Chéris Ende, was im Film nicht behandelt wird. Ausserdem wird im Film (mit einer wundervollen Michelle Pfeiffer) die sehr opulente und ästhetische Atmosphäre der "la belle epoque" mit dem Jugendstil auf eindrucksvolle Weise dargestellt (schöne Gegenstände, Kostüme, Frisuren, Autos, Häuser, Gärten). Diese Kulisse konnte das Buch leider nicht ganz so gut wiedergeben, was sehr schade ist. Über den damaligen Zeitgeist erfährt man nur ganz wenig. Dafür entschädigt allerdings die wunderbare Sprache der Autorin mit den emotionalen Dialogen und einigen tiefen Weisheiten.

Ein lesenswertes Buch für Interessierte der Beziehungspsychologie.
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