Die Geschichten um Chéri-Bibi wurden bereits mehrfach verfilmt, und selbst Comics zum Thema gab es schon. Da stellt sich die Frage, ob Bertho und Boidin dem französischen Antihelden noch eine neue Facette geben können oder ob es sich bei Chéri-Bibi" nur um eine müde Nacherzählung handelt.
Ersteres ist der Fall. Die Zeichnungen sind atmosphärisch und ziehen den Betrachter schnell in ihren Bann, zeigen sich mal in kühlen Blau- und Grüntönen oder mal feurig in dunklem Rot und Orange, wie es die Stimmung des Geschehens vorgibt. Die häufigen Zeitsprünge, mit denen Begebenheiten aus der Vergangenheit aufgegriffen werden, sind mit geschickten Bildfolgen als solche erkennbar und decken nach und nach die Geheimnisse des Protagonisten und seiner Vergangenheit auf. Zu Anfang fordert der Comic dem Leser dennoch einiges an Aufmerksamkeit ab, während die Ereignisse mit fortschreitender Handlung vorhersehbarer werden.
Die Figuren sind gelungen, wenngleich es zunächst schwerfällt, den hässlichen Chéri-Bibi ins Herz zu schließen. Ist er wirklich so ein brutaler, grobschlächtiger Kerl, wie die Zeichnungen einen glauben lassen? Oder steckt mehr hinter dem wortkargen Riesen, der trotz aller Verbrechen, die er begangen haben soll, sein Herz offenbar am rechten Fleck hat?
Zum Finale hin nimmt die Geschichte nur allzu dramatische Formen an; hat Chéri-Bibi schon durch die gesamte Handlung hindurch einiges erleiden müssen, ist auch das Ende nicht viel gnädiger mit ihm. Ein Happy End im herkömmlichen Sinne hätte zu der düsteren Geschichte natürlich nicht gepasst, aber insgesamt ist es zuletzt doch etwas zu viel Tragik.
Optisch erweist sich der Sammelband als absolut vorbildlich. Eine feste Hardcoverbindung, griffiges und qualitativ hochwertiges Papier sowie satte Farben machen das Lesen zu einem Genuss fürs Auge. Qualität, die bei Splitter zum Standard gehört und die auch den Preis von über zwanzig Euro rechtfertigt.
Der Sammelband Chéri-Bibi" kann Fans von Gaston Leroux oder den beiden Comickünstlern Bertho und Boidin sowie allen Freunden klassischer französischer Krimiliteratur empfohlen werden, die einen Medienwechsel wagen wollen - es lohnt sich.