Chemie ist eine faszinierende Wissenschaft. Die von den Chemikern aufgedeckten Gesetzmäßigkeiten zur Herstellung und Umwandlungen von Molekülen haben die Grundlage geschaffen für faszinierende Anwendungen chemischer Produkte in nahezu allen Lebensbereichen. Wo Licht ist, ist auch Schatten. Etliche Anwendungen chemischer Produkte haben zu Belastungen von Mensch und Umwelt geführt, die heute von der Öffentlichkeit nicht mehr toleriert werden. Damit wird die "Chemie" zum Gegenstand öffentlicher Auseinandersetzung. In diesem Streit um Vor- und Nachteile der Chemie sind Emotionen häufig entscheidender als Fakten. An diesem Punkt möchte das Buch "Chemie Rekorde" ansetzen. Es will zeigen, welche Beiträge die Chemie für die Menschheit erbringt und in welcher Weise die chemische Industrie die Lebensbedingungen unserer Zivilisation sichert.
Herausgekommen ist ein ungeordnetes Sammelsurium chemischer Kabinettstücke, deren Wert und Faszination sich nur dem Experten erschließt, garniert mit wenig reflektierten Daten zur wirtschaftlichen Bedeutung von einzelnen Chemikalien und Unternehmen. Verrührt wird diese Melange mit der aus der deutschen "Standort Diskussion" sattsam bekannten Polemik (Weltmeister bei Umweltschutzgesetzen und Arbeitskosten - gleichwohl führend im Export von Chemiegütern) Selbst auf eine Aktualisierung der Argumente wird verzichtet. (Pharmaforschung ist teuer, nur eine von 10.000 untersuchten Substanzen kommt als Arzneimittel auf den Markt - S. 18 - mit Hochleistungsscreening werden pro Tag 100.000 Subsatnzen geprüft - S. 19 - darf der Laie daraus folgern, daß jeden Tag 10 neue Medikamente gefunden werden?) In Anbetracht des beruflichen Hintergrundes des Herausgebers des Buches (ehem. Vorstandsmitglied der BASF) ist es verwunderlich wie konzeptionslos die wirtschaftlichen Fakten präsentiert werden. Die Hilflosigkeit im Umgang mit diesen Daten manifestiert sich auf fast schon tragik-komische Weise exemplarisch im Kapitel über die Biotech-Industrie. Die hier noch als europäischer Star gefeierte Firma Britisch Biotech ist zwischenzeitlich Gegenstand mehrerer Betrugsverfahren geworden und hat ihren Börsenwert auf ein Zehntel des im Buch genannten Wertes reduziert. Ratlos macht auch das Schicksal der "innovativsten Firma" im Pflanzenschutz, Novartis. Der Forschungsweltmeister der Jahre 1987 - 1997 mit 18 Produkteinführungen ist im Jahre 1999 ein Sanierungsfall und sucht sein Heil in einem Merger. Gleichwohl bemüht das Buch wiederholt die These, daß nur mit Innovationen die Zukunft von Unternehmen und Menschheit gesichert werden kann.
Wer das Buch liest, um die Faszination der Chemie nachvollziehen zu können oder sich mit den politischen, ökonomischen und gesellschaftlichen Konsequenzen der Chemischen Industrie auseinandersetzen möchte, wird enttäuscht werden. Zu mehr als Weihnachtspräsent von Chemieunternehmen wird dieses Buch nicht taugen.