Gedanken zu:
Che Der Traum des Rebellen
Es ist das erste Mal, dass ich ein Buch über Che in der Hand halte und dabei tritt ein Effekt ein, den ich immer wieder erlebe, wenn ich eine Person sehe, die ich bisher nur aus einer bestimmten Perspektive kenne, nämlich von vorne . Plötzlich merke ich, dieser Mensch hat ein Profil, eine Ansicht von hinten, Arme, Beine, Körper. Che war nie viel älter, dafür aber wesentlich jünger als er auf dem einen Bild ist, das wir alle kennen. Er hat nicht nur Revolution gemacht, sondern musste zunächst aufwachsen, gehen lernen, Kind sein, Jugendlicher. Es gab andere Menschen, die ihn begleitet, geformt haben. Es wird mir ganz leicht gemacht, mir über diesen Che, der mich seit meiner Jugend begleitet hat, viele Bilder zu machen und es ist außerdem noch eine sehr spannende Erfahrung. Wer aus meiner Generation (Jahrgang 53) kennt ihn nicht? Aber wer weiß schon konkret über ihn Bescheid und möchte seine Unwissenheit zugeben? Wir haben immer gerne seinen Namen in den Mund genommen. Wir wussten alle, dass er ein Kämpfer für Freiheit, Unabhängigkeit, Gerechtigkeit war. Seine Person stand immer im Zusammenhang mit Kuba und Fidel Castro. Erstaunlicherweise bildete er immer, auch lange vor der Wende, eine Brücke zwischen Ost- und Westdeutschland. Er durfte auf beiden Seiten verehrt werden. Nur, wer war er? Doch keinesfalls nur ein dekoratives Poster für unsere Studentenbude! Dieses Buch gibt viele Auskünfte über ihn. Ich möchte es beim ersten Mal schon nicht mehr aus der Hand legen, bis ich mir jedes Bild genau angesehen habe. Ich hole es auch später immer wieder hervor und zeige es meinen Bekannten die gleichermaßen fasziniert sind. Dann beginnt für mich die Auseinandersetzung mit der Geschichte Kubas. Auch das geschieht auf eine leichte, unaufdringliche Art. Immer wenn ich die Zusammenhänge klarstellen muss, hilft mir die Chronologie am Ende des Buches. Ich werde sensibilisiert für die Ereignisse auf Cuba und lerne besser zu verstehen. Das Buch verhilft mir nach meiner ersten Kuba-Reise im Dez 99 zu Aha- Erlebnissen: Ich finde einen Teil des Liedtextes „hasta siempre" wieder und ein Geldstück mit jenem bekannten Bild von Che und der Aufschrift „patria o muerte" erweckt angenehme Assoziationen an dieses Land, das so viele unserer Träume genährt hat. Ich wiederhole: Ich kenne keine anderen Bücher über Che. Aber dieses Buch ist für mich ein Anstoß, zum einen, um mich mit anderen Büchern über ihn einzulassen und zum anderen, mich mit der Geschichte Kubas noch weiter zu befassen. Ganz sicher ist dieses Buch aber auch eine Bereicherung für Fans, die glauben schon alles über Che zu wissen. Es ist die wunderbare Bestätigung dafür, dass es Menschen gibt, die es schaffen aus der Masse herauszutreten und Veränderungen in Gang zu setzen. Veränderungen, die nicht für alle Beteiligten zu einem guten Ende führen, die aber letztendlich unerlässlich sind und ohne die es keinen Glauben an den Fortbestand der grundsätzlichen ethischen und moralischen Werte gibt.
Karin Pauli