Dies ist die mit Abstand beste Che Guevara Biographie die ich gelesen habe. Der Autor hatte erstmals zu Quellen zugang, von denen die voherigen Biographen nur träumen konnten. Jon Lee Anderson zog für die Recherchen an diesem Buch extra nach Kuba und reiste von dort aus auch noch in weitere Länder, um möglichst viele Personen die mit Che, direkt oder zumindest indirekt etwas zu tun hatten, zu interviewen. Da wäre natürlich an erster Stelle dieser Personen Aleida March, also Ches Witwe, zu nennen. Das bringt natürlich mit sich, dass der Autor auch Einblick in sehr persönliche und teils unveröffentlichte Dokumente (z.B. Teile von Ches Tagebüchern) hatte. Desweiteren sprach er auch mit Ches Kindern, mit seinen Freunden, mit Mitstreitern und sogar mit seinen Feinden und/oder deren Kindern, so z.B. mit Felix Rodriguez, der unmittelbar mit Ches Hinrichtung zu tun hatte. Auch hier hatte Anderson zugriff zu Dokumenten, wie das Notizbuch von Oberstleutnant Selich, so dass fast die komplette Vernehmung Ches kurz vor seinem Tod in diesem Buch zu finden ist. Aufgrund dieser Fülle an Quellen, ist ein Buch entstanden das sehr glaubwürdig erscheint, da man einfach so gut wie ALLES aus Ches Leben erfährt. Ein vollständigeres Bildnis Che Guevaras wird man wohl kaum finden. Nicht wenige Fussnoten bzw. Ergänzungen geben zusätzlich noch Auskunft über Personen bzw. Geschehnisse, die, zwar nur sekundär, aber immerhin, etwas mit Che zu tun haben. Grosser Pluspunkt hierbei: Wenn etwas bis heute nicht 100%ig festgestellt werden konnte, so erwähnt dies der Autor auch. Sollten sich mehrere Quellen widersprechen, also Aussagen von Zeitzeugen, was hier nicht häufig vorkommt, dann werden alle Aussagen genannt und Anderson nennt dann die, seiner Meinung nach, wahrscheinlichste. Allerdings nicht ohne gute und zahlreiche Argumente dafür zu nennen. Ebenfalls ganz wichtig für mich an diesem Buch: Der Autor wertet nicht. Sätze, wie sie z.B. in der Biographie von Daniel James zu finden sind ("Ches katastrophale Wirtschaftspolitik") wird man hier nicht finden. Jon L. Anderson schreibt natürlich auch, um bei diesem Beispiel zu bleiben, über Ches politische Ansichten, aber er bewertet sie nicht. Der Autor zeigt somit auch nicht nur eine Seite von Guevara, sondern alle. Er zeigt auch die Schwächen und Fehler auf, wie Ches Naivität, welche z.B. in Bolivien Folgen hatte. Oder Ches extreme Härte "Untergebenen" gegenüber, sowie auch die Tatsache, dass er das ein oder andere Mal sehr gewaltbereit zu sein scheint. Doch auch der liebende Familienvater wird hier beschrieben, der seine Kinder vermisst und um Freunde trauert. Anderson überlässt es völlig dem Leser Che als Mensch und seine Ideen und Taten gut oder schlecht zu finden. Wie jeder gute Autor, hält sich Anderson mit seiner Meinung zurück, so dass der Leser sich automatisch selbst Gedanken macht, was wiederrum dazu führt, dass man viel intensiver in den Bann dieses Buch gezogen wird. Obwohl es hierbei natürlich auch an dem flüssigen Schreibstil des Autors liegt, dass man diese Biographie wie einen Roman lesen kann und auch wird, denke ich. Keine trockenen, seitenlangen politischen Ausführungen, nein, es macht wirklich Spass dieses spannende Buch zu lesen.
Es ist einfach viel mehr als nur eine Che Guevara Biographie, es ist DIE Che Guevara Biographie. Zusätzlich ist es noch ein politisches und soziales Panorama des Lateinamerika der 1950er und 60er Jahre. Und ein Roman der Revolution! Absolut empfehlenswert. LESEN!