Welch eine Freude, dass dieser Film endlich auch im deutschsprachigen Raum auf DVD erscheint! Ich war mit meiner Freundin und deren Freund im Kino: Der Freund schnarchte bald friedlich in seinem Kinosessel, während wir beiden Frauen uns an dem Film ergötzten. Es gibt bestimmt einige (viele Männer?) die dem Film nichts abgewinnen können. Einer, der den Film gar nicht sah, meinte süffisant: "Ach, das ist doch`n Softporno!"
Nein, das ist er nicht! Wer den Film wegen freizügiger Sexszenen kauft um sich daran aufzugeilen wird eventuell enttäuscht werden. Auch mit Hamiltons 70er Weichzeichnererotik hat der Film nichts zu tun.
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Zur Handlung:
Im Fronturlaub 1917 heiratet Conny ihren Jugendfreund Clifford Chatterley.
1921 kehrt Clifford für immer an den Rollstuhl gefesselt nach England zurück. Das Paar lebt den Umständen entsprechend angenehm auf dem Familiensitz der Chatterleys. Die Ehe bedeutet für Conny Kartenspiel, Konversation und einsame Nächte. Zumindest seit seiner Verletzung ist Clifford emotional unterkühlt und gehemmt. Sex ist für ihn durch seine Verletzung nicht mehr möglich, auch andere Zärtlichkeiten kann oder will er mit seiner Frau nicht teilen. Conny Chatterley ist eine sehr junge Frau, sie verzehrt sich, wohl auch unbewusst, nach Leben und Erotik, fühlt sich oft einsam in dem abgeschiedenen Herrenhaus und ist wird schließlich krank durch den Mangel an Vitalität. Sie selbst will sich nicht eingestehen, dass die Eintönigkeit des ländlichen Milieus ihr fast den Lebensmut geraubt hat und sie verdorren lässt. Nach und nach entspinnt sich zwischen Conny und dem erst abweisenden Wildhüter Parkin eine sexuelle Beziehung und aus ihnen wird heimlich ein Paar...
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Die erotischen Szenen sind zahlreich. Sie werden fast in Echtzeit und in aller Ausführlichkeit gezeigt, wirken aber nie pornografisch. Anfangs scheinen die Begegnungen eher funktional zu sein, ohne wirkliche Emotionalität, aber dennoch gleiten sie nicht ins Vulgäre ab. Hier wird keine ausgefeilte Schnitttechnik benutzt um die "Längen" des Liebesaktes rauszuschneiden oder um den Sex aufzuhübschen oder so. Ich finde dadurch kommt alles sehr realistisch rüber, es zeigt die Neugierde und das Staunen. Auch bringen diese Szenen niemanden, weder den Zuschauer, noch die Darsteller, in Verlegenheit, obwohl das Paar auch mal nackt durch den Regen tanzt oder sich ihre Körper gegenseitig mit Blumen und Kränzen schmückt. Die Erotik hat einfach etwas Befreiendes! Conny kann endlich Lebensfreude wiederfinden und aus Begehren wird schließlich doch Liebe.
"Lady Chatterley" ist ein sehr langsamer Film aber mit unglaublicher Intensität, Präzision und erotischer Kraft! Die Darstellung der Natur und der Jahreszeiten spielen eine große Rolle und wenn man mit Conny durch den Wald geht spürt man den Wind, es rascheln die Blätter, die Bäume knarzen, man riecht förmlich den Wald. Wenn sie eine Lichtung erreicht, ein Geräusch hört und nach dessen Quelle sucht findet das alles in Echtzeit statt. Ich empfinde das als sehr wohltuend im Zeitalter der schnellen Schnitte und überladener Filme. Hier lässt man der Handlung und dem Zuschauer Zeit!
Der "Skandal" -Roman des Briten D.H. Lawrence erschien 1928 in England. Wie der Roman, setzt auch die französische Regisseurin Pascale Ferran, die Gegensätze zwischen industriellen Fortschritt und der Natur in den Vordergrund der Geschichte. Wobei die Darstellung der Natur hier eindeutig Priorität hat. "In den großartigen Bildern britischer Parklandschaften, die sich parallel zur Entwicklung der Protagonistin von eisigem Winter zu flirrend schönem Sommer wandeln, und in der gelassenen Aufmerksamkeit, die Ferran der Entwicklung ihrer Figuren schenkt - fast drei Stunden lang, mit langen Szenen des Schweigens, in denen nur die Natur das Sagen hat, in denen die Kamera immer wieder in Großaufnahme auf aufbrechende Blüten, auf fallende Tautropfen fährt." Zitat Tagesspiegel.
Clifford als Fabrikbesitzer und die kritische Auseinandersetzung mit den Themen Industrialisierung und Sozialismus kommen leider viel zu kurz.
Der Film ist sparsam mit Dialogen, die inneren Vorgänge kann man eher in den Gesichtern lesen. Marina Hands als Lady Chatterley spielt einfach umwerfend! Es ist eine Freude Ihrem nuancenreichen und subtilen Spiel zuzusehen. Sie hat ein sehr offenes Gesicht und kann Traurigkeit, kindliche Lebensfreude oder Leidenschaft in seiner enthüllten Verwundbarkeit zeigen, ohne dass es peinlich wirkt. Der Wildhüter Parkin, gespielt von Jean-Jouis Coullo'ch, kein wirklich schöner Mann, eher gedrungen mit beginnender Glatze, spielt auch mit großer Intensität und hat vielleicht mehr Wirkung als irgendein Laufstegschönling. Er, der naturverbundene und wortkarge Mann, der ein asketisches Leben führt, ist in jeder Hinsicht das genaue Gegenteil zu Sir Clifford, seinem Dienstherren und Connys Mann.
Hier stört es übrigens kaum, falls man auch die Untertitel mitlesen will, denn es gibt keine schnellen Wortwechsel, wie bei anderen englischen oder französischen Literaturverfilmungen, es kommt auch nicht auf den Wortwitz oder die Dialoge an, sondern auf die Dinge, die zwischen den Zeilen stehen und nonverbal zum Ausdruck gebracht werden. Die Originalversion bietet sich hier sehr an.
Dies ist kein Gesellschaftsfilm, das Ehepaar lebt, mit ihren Bediensteten zurückgezogen auf ihrem Landsitz, ohne große Kontakte. Es geht also nicht um den Skandal, den die Heldin eventuell verursacht, sondern um ihre emotionale Entwicklung, das Ausleben der Leidenschaft und die Auswirkungen die dies für sie als (Ehe)Frau hat. Wer auf eine schöne Ausstattung und Kostüme wert legt wird nicht enttäuscht.
"Eine Mischung aus Cheraus "Intimacy" und der klassischen Merchant Ivory Produktion "Zimmer mit Aussicht" ist hier gelungen: Ein hinreißender Historienfilm und ein radikal moderner Beziehungsfilm, der jenseits von Standesgrenzen und Zeitgeist zeigt, was für ein Abenteuer die Liebe ist." Zitat Tagesspiegel
Der Film räumt zum Glück auf mit dem anrüchigen Ruf, den der Roman dank zahlreicher einschlägiger Erotikfilmchen in den 60er 70er Jahren bekommen hat. Der in Misskredit geratene Stoff wurde endlich würdig umgesetzt!
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Fazit: Für Träumer und Romantiker die sich für langsame unspektakuläre Handlungen begeistern können und nichts gegen eine große Portion Erotik einzuwenden haben, ist der Film ein Highlight! "Der elegante, lyrische Realismus, mit dem dieser Film die Schule des Begehrens inszeniert, ist ein großartiges Stück Kino Kunst". Zitat Verleih
Hymnischen Reaktionen auf der Berlinale sowie eine Auszeichnung mit fünf Césars!
Für mich das Highlight 2007! Brillant!
Man kann den Film zum Glück im Original auf französisch mit deutschen Untertiteln gucken. Die Untertitel sind aber auch ausschaltbar.
Die DVD hat auch eine deutsche Tonspur, die ordentlich gemacht ist. Was ich wirklich bemängeln muss, ist dass die Texttafeln auf französisch, die den Film gliedern, nicht automatisch übersetzt wurden. Da musste ich regelmäßig den Film unterbrechen und die deutschen UTs einschalten. Ärgerlich!
2 Discs im Pappschuber:
1. Disc: ZDF Fassung 128 Minuten plus Making of 52 Minuten
2. Disc: Kinofassung 162 Minuten
Es gibt den Film eigentlich in drei Fassungen. Der ausführlichste Arte Zweiteiler mit 200 Min, ist in dieser Edition nicht enthalten! Die Kinofassung hat fast 40 Minuten weniger, ist aber mit 2 Std. 40 Minuten doch auch recht lang.