(Vorsicht, Spoiler!)
Obwohl er auf der Seite der Verlierer war, scheint der Sezessionskrieg für Captain Quincey Whitmore (Jack Palance) eine großartige Erfahrung gewesen zu sein, und er sonnt sich gern in der Bewunderung von Männern wie Nye Buell (Richard Basehart), die ihn über seine Kriegserlebnisse löchern - gerade so, wie er den Trott des friedlichen Alltaglebens zu verabscheuen scheint.
In "Chato's Land" (1972) des britischen Action-Regisseurs Michael Winner ist Whitmore als Gegenspieler des Mestizen Chato (Charles Bronson), der in Notwehr einen rassistischen Sheriff erschossen hat und nun von den Bürgern der Stadt gejagt wird, eine tragische Figur. Der Beginn des Filmes zeigt den alt und hager gewordenen Captain, wie er, bevor er das Aufgebot zusammenstellt, seine alte Konföderiertenuniform anzieht - vielleicht hat Michael Winner ja "The Ox-Bow Incident" gesehen -, wobei sein bislang regungsloses Gesicht für kurze Zeit von einem versonnenen Lächeln - ich will fast sagen: heimgesucht wird. Die Parallele zu Wellmans Lynchwestern darf allerdings nicht zu weit gezogen werden, denn anders als Tetley ist Whitmore kein kranker Sadist, sondern ein Mann, der sich in der Zivilisation schlecht zurechtzufinden und der darum nach der besonderen Herausforderung, der Ausnahmesituation zu gieren scheint. Das Anführen eines Aufgebotes, um einen scheinbar kriminellen Apachen zu töten, ist ihm eine solche Ausnahmesituation.
Insgesamt sind es 13 Männer, die ausreiten, um Chato zur Strecke zu bringen, und jeder von ihnen hat andere Motive. Die drei Ho*ker-Brüder, angeführt vom Ältesten, Jubal (Simon Oakland), scheint in erster Linie Sadismus zu motivieren, wobei sich Earl (Richard Jordan), der Jüngste, vielleicht auch eine Gelegenheit erhofft, irgendwo auf dem Weg mit einer Frau zu schlafen. Er wird denn auch in den Film eingeführt als jemand, der Prügel von seinem ältesten Bruder bezieht, weil er versucht hat, seine Cousine zu vergewaltigen. Der alte Farmer Josuah Everette (James Whitmore) schließt sich der Meute allein schon deshalb an, weil er - wie er sagt - meilenweit reiten würde, um einen toten Indianer zu sehen. Gavin Malechi (Roddy McMillan) auf der anderen Seite hat zwar wenig für diese Hetzjagd übrig, doch - wie er seiner Frau sagt - seien sie als neu hinzugezogene Familie besser beraten, wenn sie sich der Mehrheit anschlössen. Das Verhalten eines anderen Farmers, Ezra Meades (Peter Dynely), der die Ho*kers mit der Waffe in der Hand von seinem Land vertreibt und meint, der Sheriff habe es nicht besser verdient, kommentiert Malechi mit den Worten, bislang habe er Meade immer für einen guten Nachbarn gehalten. Was er nicht weiß, ist, daß Meades Mut, seinen eigentlichen Willen gegen die Meute zu behaupten, am klügsten war, denn keiner der 13 Männer wird jemals wieder lebend aus Chatos Land zurückkommen - außer den beiden, die das unverschämte Glück haben, durch einen Unfall am Weiterreiten gehindert zu werden.
Bald schon werden aus den Jägern Gejagte, nämlich dann, als Chato sieht, wie ein Teil der Männer seine Frau, die in ihrer abgelegenen Farm aufgespürt wurde, vergewaltigt und seinen Bruder grausam tötet.
Interessant ist hier nicht so sehr die Figur des symbiotisch mit der Wildnis lebenden Mestizen, sondern die Gruppendynamik innerhalb des Aufgebots. Mit der Vergewaltigung werden alle Männer schuldig, nicht nur diejenigen, die sich aktiv an dem Verbrechen beteiligen, sondern auch alle anderen. Malechi versucht, gegen diese Tat zu rebellieren, aber als er keine Mitstreiter findet, verlegt er sich aufs Protestieren. Quincey Whitmore, bis dahin der Anführer der Gruppe, resigniert vor der Aufgabe, den Ho*kers und ihren Spießgesellen Einhalt zu gebieten, mit dem Hinweis darauf, man könne von diesen Männern keine militärische Disziplin erwarten, während Nye Buell, der Zyniker, kaltschnäuzig meint, man solle sich wegen einer Squaw nicht so aufregen. Everette, ganz Rassist, entgegnet Malechis Vorhaltungen, er solle sich einmal ansehen, was Indianer mit weißen Frauen machen, die in ihre Hände gefallen sind. Vor allem diese Szene läßt sich - ob dies nun von Winner so gewollt ist oder nicht - als Kritik am Vorgehen der USA in Vietnam lesen, schwebt doch über allem die Aussage, daß auch die, die sich nicht aktiv an Greueltaten beteiligen, durch ihre Haltung oder durch fehlenden Willen zum Eingreifen schuldig werden, auch wenn sie im Kern vielleicht anständige Menschen sind - so wie Malechi, der sich widerstrebend dem Gruppendruck beugt, oder der Captain, in dessen Worten - man höre sich an, wie er Chatos Verbindung zu seinem Land beschreibt - sogar eine gewisse Bewunderung für die Apachen mitschwingt, die er als Buch voller grausamer Geschichten bezeichnet.
Die weitere Entwicklung der Beziehungen in dieser Gruppe - nicht so sehr Chatos Racheaktionen - macht für mich den großen Reiz dieses Westerns aus. Geradezu ironisch scheint mir, daß der im Film deutlich als Christ identifizierte Malechi - ihm kommt es stets zu, die kurze Leichenrede für die Verstorbenen zu halten - am Ende Jubal Ho*ker zu Tode steinigt. Christen dürfen ja vieles - aber Steine werfen eben nicht ... Ein anderes Beispiel für Ironie ist Whitmores Erklärung dafür, warum die Konföderation den Bürgerkrieg verloren hat - nämlich die Überlegenheit der Union im Hinblick auf Truppenstärke und Material. Chato nämlich wird trotz seiner Unterlegenheit in diesen Punkten siegen, und auch in Vietnam waren die USA ja bestens ausgerüstet.
Mein Fazit: Auch wenn Michael Winner sicher nicht zu den großen Regisseuren zählt, so hat er mit "Chato's Land" doch einen hochkarätigen Western hingelegt, der sicher nicht nur Fans von Charles Bronson, der guten alten Seele, begeistern wird.