Rezension zur DVD-Veröffentlichung durch Kinowelt (2010)
Ursprünglich auf einer Idee von Orson Welles basierend (dem seinerseits der Serienmörder Henri Landru als 'Inspiration' gedient hatte), schuf Charles Chaplin 1946 mit MONSIEUR VERDOUX sein ganz eigenes Portrait eines Frauenmörders. Chaplin, ehemals bestverdienendster Schauspieler der Welt und seit der Stummfilmzeit unsterblich populär geworden durch seine Verkörperung des kleinen Tramp (des Vagabunden mit Gentleman-Manierismen) stieß erstmals auf allgemeines Unverständnis durch die Veröffentlichung seines Dramas A WOMAN OF PARIS (1923) - ein Chaplin-Film ohne Chaplin (er führt nur Regie), ohne Slapstick-Comedy. Da der Tramp in der Folge aber wieder auf die Leinwand zurückkehrte und darüber hinaus noch für Klassiker der Filmgeschichte sorgte (GOLDRUSH, MODERN TIMES, CITY LIGHTS), sah man ihm - trotz skandalöser Pressemeldungen, die sein Privatleben betrafen - sogar nach, daß er durch die gesamten 30er Jahre die Erfindung des Tonfilms ignorierte, sein Tramp blieb stumm. Mit DER GROSSE DIKTATOR (1940), Chaplin's erstem Tonfilm, entstand ein gewagtes, kontroverses Werk; angesichts der weltpolitischen Lage stand die Genehmigung zur Veröffentlichung kurzfristig in der Schwebe und nicht wenige standen auch der Schlußrede mit ihrem ernsten Charakter verständnislos gegenüber - die Leute wollten lachen. Wenngleich, besonders aus heutiger Sicht, Chaplin's Filme nahezu alle als kleine wie große Meisterwerke angesehen werden, gilt MONSIEUR VERDOUX diesbezüglich vielen immer noch als kontrovers, was nachvollziehbar ist: Der Komiker spielt einen Frauenmörder und das tut er teuflisch gut, obwohl es doch so verwerflich ist ...
Henri Verdoux war 25 Jahre lang ein unbescholtener Bankbeamter, bis 1929 die Wirtschaftskrise ausbrach, die für seine Arbeitslosigkeit sorgte. Da Verdoux aber eine Familie zu ernähren hat, muß er sich jetzt etwas einfallen lassen ... und das tut er: Unter den verschiedensten Namen baut er Beziehungen zu allein stehenden, dabei wohlhabenden Damen auf, die er um ihre Ersparnisse/ihren Besitz/ihr Vermögen bringt und ... liquidiert. Der Neuerwerb wird dann z.T. sogleich in Aktien investiert, das Vermögen somit gemehrt - ein einträgliches Geschäft, wenn auch nicht ganz streßfrei.
Selbst wenn hier die Melone und der Spazierstock fehlen und MONSIEUR VERDOUX nun eindeutig als Tonfilm zu identifizieren ist: Man bekommt Charles Chaplin 'pur'. Jahrzehntelang praktiziertes Mimikspiel sorgt auch in dieser atypischen Rolle noch für sofortigen Wiedererkennungswert, der Gentleman-Aspekt - dem Tramp eher sekundär zu eigen - steht hier (dem Rollenprofil angemessen, dabei schon selbstpersiflierend) im Vordergrund und auch Slapstick Einlagen wird gelegentlich Platz eingeräumt (z.B. durch einen hochschießenden Kopf, der ein Tablett samt Inhalt durch den Raum katapultiert), dabei wird nicht der 'rote Faden' verloren - der 'rote Faden', der vordergründig eine Gratwanderung zwischen Krimi und Komödie offeriert (darüber hinaus aber noch einiges mehr vorsieht) und der bei seiner weitgehend geradlinigen Verfolgung dem Zuschauer auch Chaplin's gereifte Regisseursqualitäten offenbart. Gleich zu Beginn des Films gibt er durch seine Stimme aus dem 'Off' zu erkennen, worum's geht, der Zuschauer ist somit unmittelbar im Bilde. Über den Umweg eines Familienszenarios, im Rahmen dessen das mysteriöse Verschwinden einer Verwandten diskutiert wird, erscheint Monsieur Verdoux visuell jetzt erstmals auf einem Foto, bevor dann Chaplin dem Charakter in der nächsten, zunächst sehr friedlich wirkenden, naturverbundenen Szene in voller Gestalt sein Leben einhaucht. Daß er im Laufe des Films in die verschiedensten Rollen und Kostüme (Ingenieur, Kapitän u.v.m.) schlüpfen muß, um einige der Damen simultan 'bedienen' zu können, sorgt für Tempo und Witz, was in einer Hochzeitsfeier, während der seine Identitäten auffliegen könnten, gipfelt. Wirklich cool ist 'Charlie Verdoux', als er sich eines ermittelnden Polizisten, der ihn durschaut und bereits in Handschellen gelegt hat, entledigt. Witzig und spannend zugleich ist ein Augenblick, in dem, durch eine unbeabsichtigte Drehung eines Tabletts, zwei Weingläser vertauscht werden, von denen eines auch Gift enthält. Der aber wohl beeindruckendste Moment des Films ist wunderbar von Emotionalität geprägt: Verdoux läd eine junge Frau zum Wein ein, an der eigentlich nur sein neues Gift ausprobieren will. Doch noch bevor sie ihr Glas anrührt, entsteht zwischen beiden eine sehr offene und ehrliche Unterhaltung, die Verdoux tief berührt - 'erschlagen' von der Wahrhaftigkeit ihrer Gefühle entwendet er ihr das todbringende Glas noch im letzten Augenblick ... während jetzt, nach längerer Abstinenz, Musik den Raum erfüllt, die Chaplin (einmal mehr) selbst komponierte. Es gibt noch eine ganze Reihe weiterer, sehenswerter Szenarios und Augenblicke, die einen über das subtile Gesamtwerk nur staunen lassen, wenn man in Chaplin zuvor nur den Tramp gesehen haben mag, doch die müssen selbstverständlich selbst gesehen, erlebt werden. Bemerkt werden sollte hier noch, daß - von wenigen, kurzweiligen, nicht mehr ganz zeitgemäßen Albernheiten einmal abgesehen - Chaplin den diabolischen Charmeur Verdoux sein verschrobenes Spiel konsequent, logisch aufgebaut, allen Widrigkeiten trotzend weiter betreiben läßt, ohne, daß Langeweile aufkäme - bis es eines Tages auffliegt, so viel Anstand mußte offenbar sein. Der gebürtige Brite, der Hollywood-Geschichte schrieb, zog alle Register seines Könnens, als er diesen vielschichtgen Film realisierte, was sich nicht zuletzt auch auf verbaler Ebene zeigt - neben Wortwitz fallen hier gelegentlich Äußerungen, über die zu reflektieren wirklich lohnt.
Insgesamt ein untypischer, dabei gelungener Film, der den oft gerühmten Genius Charles Chaplin's mindestens ebenso treffend repräsentiert, wie das Gros seiner berühmt gewordenen Klassiker.
Zum Zeitpunkt seiner Veröffentlichung, 1947, wurde MONSIEUR VERDOUX allerdings noch ganz anders aufgenommen. Chaplin, mittlerweile von der Presse wie vom 'Komittee für unamerikanische Umtriebe' gleichermaßen unter Beschuß genommen, hatte, bei seinem angekratzten Image in der Öffentlichkeit, Schwierigkeiten, sein neuestes Produkt erfolgreich zu bewerben; es soll während der kurzen Spielzeit, während der Publikum wie Kritik den Film verrissen, auch zu Boykotten gekommen sein, die düstere Grundthematik war seinerzeit nicht zu vereinen mit den kulturellen Vorstellungen Amerikas. In Europa hingegen wurde MONSIEUR VERDOUX weit wohlwollender aufgenommen, teils sogar gewürdigt.
Es erscheint daher wenig verwunderlich, daß der französische Regisseur Claude Chabrol sich in der, im Bonusmaterial dieser DVD enthaltenen Dokumentation analytisch zu Chaplin's Werk äußert - bei seinen ganz eigenen Ausrichtungen und Zielsetzungen, muß Chabrol MONSIEUR VERDOUX ehemals als wahre Quelle der Inspiration empfunden haben. Neben einer Fotogallerie sowie weiteren Arthaus-DVD-Empfehlungen halten die Extras noch 'Charlie's Alphabet' bereit, einen Zusammenschnitt von kurzen Szenen aus seinem gesamten Lebenswerk.
Sprachen: Deutsch/Englisch (Mono Dolby Digital) + deutsche UT (Doku: Franz. + deutsche UT)
Eine Empfehlung, nicht allein für Chaplin-Fans - ein kleines Meisterwerk, das lohnt, mehrfach angesehen zu werden, viel Spaß dabei!
-- theSilentNoirFreak