"Moderne Zeiten" beginnt mit den Bildern einer Schafherde, die dicht gedrängt dem Schlachthaus entgegen läuft. Dann blendet die Kamera ab. Arbeiter strömen in Massen aus der U-Bahn in die Fabriken. Einer von ihnen ist Charlie, der charmante Tramp mit Melone, Spazierstöckchen und Schnauzbärtchen. Auf seiner ewigen Jagd nach dem Glück steht er jetzt am Fließband und ist dem erbarmungslosen Rhythmus der Technik ausgeliefert. So schraubt er den ganzen Tag in hohem Akkord und zieht die immer gleichen Bolzen fest. Als der Takt des Fließbandes beschleunigt, muss der Tramp dem erhöhten Tempo allmählich Tribut zollen. Er wird von der Maschine sprichwörtlich aufgefressen, bis das Räderwerk ihn wieder ausspuckt und Charlie nur noch Schrauben sieht und im Trancezustand von allen Sinnen verlassen weiterschraubt, nun aber an den Nasen und Ohren der anderen Arbeiter. Sogar die Chefsekretärin jagt er in seinem Schraubtrauma quer durch die Hallen und stürzt so die ganze Fabrik in einer grotesken Nummerndramaturgie ins Chaos. Bis der arme kleine Tramp schließlich aufgriffen wird und in einer Nervenheilanstalt landet.
Modern Times ist äußerst skurril und in seinem fulminanten Tempo phasenweise sogar übermütig, aber mehr noch ist der Film ein Abbild seiner Epoche, die geprägt ist von der Großen Depression in den 30er Jahren. Anders als in seinen vorangegangenen Werken reflektiert Chaplin unter dem Mantel der Komödie das Elend ohne romantische Anflüge in seiner ganzen Nüchternheit des von der Rezession gebeutelten Amerikas. So zeigen einige Abfahrten der Sets die gefilmten Schauplätze in einer nahezu dokumentarischen Authentizität, die den wunden Punkt der inhumanen Fabrikarbeit schonungslos bloßstellt. Imposant sind die surrealen Bilder der gigantischen Zahnräderwerke, von deren Rotation der Tramp aufgesogen wird. Der anrührende Flaneur wird in einer absurden Farce mit der industrialisierten Welt der 30er Jahre konfrontiert, in der die komische Kunstfigur sich den bedrohlichen Aspekten einer entmenschlichten Gesellschaft gegenüber sieht. Die Monotonie der Fließbandarbeit erleichtert nicht das Leben der Arbeiter, sondern raubt ihnen den Verstand. Die Mechanik der zunehmend automatisierten Technik macht die Arbeiter ihrerseits zu funktionierenden Maschinen und unterwirft sie in ihrem individuellen Wert dem kalt kalkulierten Gesetz der Effizienz.
Mit beißender Ironie nimmt Chaplin auch die Nervosität der damaligen Zeit ins Visier. Als ein Lastwagen beispielsweise eine rote Markierungsfahne verliert, hebt der Tramp sie auf und rennt mit der Fahne wedelnd hinter dem Auto her. Zufälligerweise biegt in diesem Moment ein Protestzug hinter ihm in die Strasse und der Tramp wird von der Polizei aufgegriffen und als vermeintlicher Rädelsführer des zivilen Ungehorsams ins Gefängnis gesteckt. Chaplin selbst gerät Jahre später in der McCarthy-Ära tatsächlich ins Visier staatlicher Institutionen, weil er nicht zuletzt auch wegen solcher Filmszenen in den Verdacht ultrakonservativer Kräfte gerät, Kommunist zu sein. Was sowohl im Falle Chaplins als auch hinsichtlich des Tramps abwegig war. Der Tramp ist letztendlich ein somnambuler Possenreißer in einem zerlumpten engen Frack, der jeden Spielraum an Freiheit in seiner manifesten Komik genüsslich auskostet und sich am Ende des Tages selbst der Nächste ist. Im amüsanten Charme seines überdrehten Slapsticks gibt er die Autoritäten mit bitterer Präzision der Lächerlichkeit preis und entlarvt die negativen Kehrseiten des amerikanischen Traums, in dem ein Teil der Gesellschaft verloren am Rande des sozialen Abgrunds taumelt. In der mentalen Ohnmacht seiner Naivität rebelliert sein Körper reflexartig gegen die Maschinen. Der Film nimmt somit eine zutiefst humanistische Perspektive ein, die ihn thematisch zu einem zeitlosen Klassiker macht.
Der Tramp geriet auch hinter der Kamera unter die Räder des Fortschritts. Weil die Kunstfigur von ihrer stummen Pantomime lebte, weigerte sich Chaplin mehr als 10 Jahre, in seinen Filmen gesprochene Dialoge zu integrieren. Er war ein erklärter Gegner der Tonfilmära, die bereits Mitte der 20er Jahre begann und deren Siegeszug längst nicht mehr aufzuhalten war. Chaplin fürchtete nicht nur um den Erfolg seiner Filme, sondern auch um die Universalität der stummen Bilder, die im Alphabet der Gesten die Poesie der Bewegung reflektieren. Modern Times aus dem Jahre 1936 ist sein letzter Stummfilm, wobei es sich hier allerdings um keinen reinen Stummfilm handelt. Obwohl die Schauspieler noch einmal sprachlos agieren, nutzt Chaplin die neuen Möglichkeiten der Tonspur zur Darstellung der bedrohlich lauten Geräusche der Maschinen. Ebenfalls zu hören sind die aggressiv hallenden Befehle des übermächtigen Fabrikdirektors, der stets mit Überwachungskameras und Bildschirmen omnipräsent ist. Ein einziges Mal bricht der Tramp sein Schweigen, als er in einer der losen Episoden der zweiten Hälfte des Films in einer Bar von seiner großen Liebe Gamine (Paulette Goddard) gedrängt wird, als singender Kellner aufzutreten. Weil er sich einfach den Liedtext nicht merken kann, fängt er an, im unverständlichen Kauderwelsch zu singen. Der Inhalt lässt sich dabei nur annähernd über die Mimik erschließen. Die Szene wirkt, als ob Chaplin etwas unbeholfen und widerwillig seinen Frieden mit dem Tonfilm schließt. Am Ende verschwindet die Trampfigur Hand in Hand mit seinem Mädchen im Sonnenuntergang auf einer Landstraße. Für immer. Denn für den Tramp ist in der neuen Welt kein Platz mehr.
Das Bild der Blu-Ray-Disc wurde für das Alter des Films mehr als solide restauriert. Die Konturen erscheinen selbst bei kleineren Details äußerst scharf, der Kontrast ist stets ausbalanciert. Der Ton liegt in DTS-HD Master Audio 2.0 vor.
Bonusmaterial: Eine Einführung mit Chaplin-Biograph David Robinson, eine Moderne Zeiten-Dokumentation, Geschnittene Szenen (inklusive der kompletten Nonsens-Song-Sequenz), Fotogalerie und Trailer.