Für Charlie Chaplins lebhafte Phantasie jedenfalls, denn ob er nun vergeblich gegen den rauhen Wind anläuft, sich in der Vorstellung seines von Hunger geplagten Leidensgenossen Big Jim (Mack Swain) in ein überdimensionales Huhn verwandelt, ob er zusammen mit Big Jim seinen Schuh verspeist, den er zuvor mit kulinarischer Finesse zubereitet hat, oder ob er gegen Ende des Filmes in der über dem Abgrund hängenden Hütte um sein Leben kämpft - Chaplins kleiner Tramp reiht eine unvergeßliche Situation an die nächste. Nicht zu verschweigen ist da auch jener berühmte Brötchentanz, der ebenfalls in einer Hütte stattfindet und für dessen unlizenzierte Nachahmung Grampa Simpson Jahrzehnte später in ernste Schwierigkeiten geraten sollte.
Chaplin hat sich gewünscht, vor allem mit "The Gold Rush" (1925) in Erinnerung zu bleiben, und angesichts der obigen Aufzählung berühmter Filmmomente dürfte wohl klar sein, daß ihm dieser Wunsch in Erfüllung gegangen ist. Die Geschichte dieses Filmes ist eigentlich schnell erzählt: Der kleine Tramp versucht wie viele andere sein Glück in Klondike, doch ist er nicht sehr erfolgreich. Gegen die Kälte und den Schnee flüchtet er sich in eine schäbige Hütte, doch der dort hausende Black Larsen (Tom Murray), ein entflohener Verbrecher, versucht, ihn in den todbringenden Schneesturm zurückzujagen. Nur die Ankunft des vierschrötigen Big Jim, eines soeben fündig gewordenen, dann aber vor der Macht der Elemente geflohenen Goldsuchers rettet den Tramp. Als schließlich der Hunger in der Hütte so groß wird, daß jemand Hilfe holen muß, fällt das Los auf Black Larsen. Dieser zieht zwar los, erschießt auf seinem Weg aber zwei Goldsucher, die er ausraubt, und macht sich davon, nur um bald darauf selbst einer Lawine zum Opfer zu fallen. Die beiden Freunde in der Hütte werden immer mehr vom Hunger gequält, und schließlich muß der Tramp vor dem delirierenden Big Jim fliehen. Unten in der Goldgräberstadt dann ereilt ihn ein mindestens ebenso verheerendes Schicksal wie ein vorzeitiger Tod, verliebt er sich doch, anscheinend unglücklich, in die schöne Tänzerin Georgia (Georgia Hale), die zunächst bestenfalls gutmütigen Spott für ihn übrig hat.
Weiteres soll an dieser Stelle über die Geschichte gar nicht verraten werden, allenfalls dies, daß sie nicht ohne Schwächen ist: Wie beispielsweise soll Big Jim die ganze Zeit in der Eiswüste überlebt haben? Allerdings ist die Handlung wie bei jedem guten auf Situations- und Charakterkomik aufbauenden Film wohl eher zweitrangig, steckt sie doch nur den Claim ab, auf dem der kleine Tramp seine Kapriolen schlagen wird. Wie bei Chaplin üblich, reichen sich Humor und Komik die Hand mit Sentimentalität und Gefühl, doch hält sich der Zuckergehalt in "The Gold Rush" glücklicherweise in Grenzen. Ganz im Gegenteil gelingt es Chaplin hier, die Gefühle, die der Tramp für das Mädchen hegt, auf sehr rührende, zu Herzen gehende Art und Weise zu zeigen - etwa wenn er nach dem Tanz mit Georgia ein Photo von ihr vom Boden aufhebt und mit sich nimmt oder wenn er sich in der Silvesternacht vorstellt, wie es wohl wäre, wenn sie jetzt mit ihm am festlich gedeckten Tisch säße.
Die Blu-ray bietet den Film in der Version von 1942, für die Charles Chaplin, dem Wandel des Publikumsgeschmacks Rechnung tragend, die Zwischentitel herausgeschnitten und höchstselbst den Erzähler gegeben hat. Die deutsche Version dieser Erzählerstimme ist übrigens nur schwer erträglich. Neben einem Chaplin-ABC, das thematisch sortierte Ausschnitte aus Chaplins Filmen bietet und wirklich sehr kurzweilig ist, gibt es u.a. auch eine kurze Einführung durch David Robinson, den Chaplin-Biographen. Hier wird sehr beeindruckend gezeigt, wie in der sonnendurchglühten Landschaft Kaliforniens eine künstliche Schneelandschaft erzeugt wurde, und auch der alternative Schluss des Filmes findet sich: ein ziemlich inniger Kuß zwischen Georgia und dem Tramp, der wohl auch etwas über die Beziehung zwischen Chaplin und Georgia Hale aussagte, aber in der endgültigen Version durch ein züchtigeres Händchenhalten der beiden Figuren ersetzt wurde. Georgia Hale war übrigens nicht die erste Wahl für die Rolle des love interests in diesem Film; sie ersetzte vielmehr Lita Grey, die ursprünglich für die Rolle vorgesehen war, dann aber, mit 15 Jahren, von Chaplin schwanger wurde und eine unglückliche Ehe mit ihm schließen mußte.
Die Bildqualität der Blu-ray ist für einen so alten Film wirklich ausgezeichnet, aber selbst diese verblaßt angesichts der klassischen Chaplin-Highlights, die diesen Film - neben "Modern Times" (1936) und "The Great Dictator" (1940) - für mich zu einem seiner besten machen.