Nach wie vor ist "Chariots of Fire" einer der schönsten Filme, die ich je gesehen habe. Wenn es überhaupt etwas zu kritisieren gibt, dann vor allem die ziemlich schlampige deutsche Bearbeitung (für die der Film natürlich nichts kann). Der Originaltitel ist dem Kirchenlied "Jerusalem" entnommen und verbindet Gottgefälligkeit mit brennendem Ehrgeiz und physischer Kraft. Die Übersetzung "Die Stunde des Siegers" wirkt dagegen reichlich platt. Auch einige Dialoge sind seltsam frei übersetzt, und dass der Schotte Eric Liddell auf dem DVD-Cover (!) als "gedemütigter Engländer" bezeichnet wird, ist an Oberpeinlichkeit nicht zu überbieten (lässt mich zweifeln, ob der Autor des Covertextes den Film überhaupt selbst gesehen hat?).
Aber dann: Die Musik! Das unorthodoxe Drehbuch, das sich so angenehm von all dem Schema-F-Anderstellemussnocheinbisschensexrein-Einheitsbrei unterscheidet! Die bis in die kleinste Nebenrolle herausragenden Schauspielerleistungen! Allein von Ian Holm könnte man (wie immer) stundenlang schwärmen - die beiden Kneipendialoge mit Ben Cross alias Harold Abrahams (einmal beim ersten Zusammentreffen, dann nach dem Gewinn der Goldmedaille) könnte ich mir nochmal und nochmal anschauen und mich über sein verstecktes Grinsen, sein Timing beim Sprechen und bei den Handbewegungen erfreuen. Das ist wahre Schauspielkunst!
Die wahre Höchstleistung in diesem Film besteht aber in der Kameraarbeit, in Verbindung mit der herausragenden Ausstattung, die immer detailfreudig, aber nie überladen und protzig wirkt. Man verzichtet auf hysterische Zickzackraufrunter-Fahrten und wilde Schnitte, mit denen heute mancher Film eher einem epileptischen Anfall gleicht. Im Gegenteil bleibt die Kamera meistens an einem Fleck, verwendet häufig die Totale und erlaubt sich höchstens mal einen Rundum-Schwenk. Der Film strahlt dadurch eine große Ruhe aus, die sich wunderbar mit der erhabenen Musik verträgt. Die Bilder wirken so authentisch, als sei man wirklich dabei - als sei man quasi einer der Kameraleute, die man beim olympischen 400-Meter-Rennen bescheiden im Hintergrund arbeiten sieht (auch das eine meiner Lieblingsaufnahmen).
Wie schön ist es, einen Film zu sehen, bei dem Außenaufnahmen auch wirklich Außenaufnahmen sind und keine schmalzigen Postkarten-Landschaften oder computergenerierten Plastikprodukte. Man hat das Wetter genommen, wie es war: Wenn es nebelig war, sieht man im Film halt Nebel. War es sonnig oder Matschwetter, dann hat man eben auch das verwendet. Höchstens in "Der Pate II" wurde dieser Grundsatz so fruchtbringend umgesetzt.
Um es zusammenfassen: Ein wunderschöner, seltsamerweise fast vergessener Film voller Erhabenheit, aber nichts für Action-Fans, die schon ungeduldig im Sessel herumrutschen, wenn ein 100-Meter-Lauf zweimal in Zeitlupe wiederholt wird.
Und noch was: Eigenartigerweise ist in den USA eine andere Schnittfassung auf DVD im Umlauf (oder war es zumindest bis vor einiger Zeit, ich weiß nicht, ob sie mittlerweile überarbeitet wurde). Es gibt einige kleine Unterschiede vor allem am Anfang, wo die Ankunft von Abrahams und Montague in Cambridge und ein Gespräch mit Kriegsveteranen gezeigt wird. Dafür fehlt, wenn ich mich recht erinnere, die Szene mit dem Cricket-Spiel.