Reichs Werk hat die Psychoanalyse und zahlreiche darauffolgende psychotherapeutische Schulen sicher mehr beeinflusst, als den meisten bewusst und einigen lieb ist. In seinem großen Werk, der "Charakteranalyse", kann man die Entwicklung seines Denkens durch die Jahrzehnte seines Schaffens gleichsam chronologisch verfolgen. Im ersten Drittel seines Buches geht es noch um die Durchsetzung der Widerstandsanalyse als hauptsächliches Instrument der analytischen Arbeit, im zweiten dann um die Einführung des Begriffs der charakterlichen Panzerung. Erst im letzten Drittel, eigentlich eher auf den letzten hundert Seiten, traut sich Reich, seine Ideen zur Orgonbiophysik darzustellen.
Seine größte und genialste Leistung ist dabei seine früheste Weiterentwicklung der analytischen Deutungspraxis. Standen bei den klassisch-freudianischen Vertretern noch Widerstandsdeutung und inhaltliche Deutung des assoziativ in der Analyse hervorgebrachten "Materials" gleichberechtigt nebeneinander, so argumentiert Reich mit allem Nachdruck und vielen Praxisbeispielen dafür, die Analytische Technik ganz auf die Deutung des Widerstands auszurichten. Denn jeder Widerstand sei in der inneren Ökonomie der (Patienten)psyche eine gleichsam schon strukturell eingefahrene Niederdrückung eines aversiven und darum abgewehrten Affekts. Der abgewehrte Affekt könne zwar in der inhaltlichen Deutung hervorkommen, die Auflösung seiner Verdrängung, seine heilsame Durchlebung (bei Reich eben nicht nur seine Bewusstmachung), könne aber nur durch die mühsame Durcharbeitung des eingefahrenen Widerstandes ermöglicht werden. Und es sei im Prinzip noch komplizierter dadurch, dass durch das ständige, hydraulisch gedachte, "Nachdrücken" der gestauten Libido auch der abwehrende Widerstand durch neuen, darauf "aufgepropften" Widerstand ebenso ins Unbewusste angewehrt werden müsse, sodass gleichsam eine komplexe, aus vielen aufeinander aufgebauten und aufeinander bezogenen Schichten bestehende neurotische Charakter-Struktur entstehe. So könnte eine verdrängte Trauer, nach Reichs Denken, also durch Aggression (erster Widerstand) verdrängt werden. Die überschießende Aggression müsste dann chrakter-neurotisch z.B. durch eine besonders anbiedernde Freundlichkeit und passiv-anale "Friedfertigkeit" (Widerstand zweiter Ebene) im Zaun gehalten werden, u.s.w.
Dass eine solche dauerhaft aufrechterhaltene Niederdrückung eines ständig nachströmenden Triebbedürfnisses sich schließlich in einer ständigen psychophysischen Spannung und schließlich "Verspanntheit" des ganzen anatomischen Apparates zeigen muss, ist heute ein Gemeinplatz aller körperpsychotherapeutischen Verfahren, aber ursprünglich eine eigenständige Entdeckungsleistung des später verfemten Wilhelm Reich. Genauso übrigens hat die konsequente Durcharbeitung des Widerstandes, etwa im Rahmen der Deutung der Übertragung, und das Einbeziehen sowohl der Mimik als auch der Körperhaltung des Patienten u.ä. Einzug in alle Sparten tiefenpsychologischer Therapie gehalten.
Während aber die Herausarbeitung der Widerstandsanalyse als der eigentliche "Königsweg" zur Heilung noch gänzlich brilliant und sehr präzise durchdekliniert wird, erscheint die Vorstellung der "Charakterpanzerung" in Reichs Werk schon eher skizzenhaft, nicht mehr zur Gänze geistig durchdrungen und bis zum Ende durchdacht. Schließlich, auf den letzten hundert Seiten der "Charakteranalyse" verlangt der Autor dann ein Übermaß an gläubiger Gefolgschaft, wenn er einen Begriff des "Orgons" einführt, der dem interessierten Leser nicht weniger abverlangt als die Aufgabe der ganzen modernen Physik und Naturwissenschaft. Mit dem "Orgon" versucht Reich im Grunde lediglich den Begriff der "Libido", wie er von Freud aufgebracht wurde, auf eine reale physikalische Grundlage zurückzuführen. Jedoch kann man nicht davon ausgehen, dass in Freuds Verständnis die "Libido" je mehr war als eine innere psychische Realität, vermutlich mit einem neuropsyhsiologischen Korrelat gedacht. Bei Reich wird der Orgon zu einer Art "Prana" oder "Chi", einer aller physischen Realität vorausgehenden Grundsubstanz allen Seins und Lebens. Und hier mag ein gründliches Mißverständnis vorliegen; Denn es spricht nichts dafür, dass ein "Prana", "Chi" oder "Orgon" jemals außerhalb des subjektiven Erlebens erfahrbar und Dingfest zu machen wäre. Aber dies führt auf ein allzu weites Feld möglicher Diskussionen...