Ja, ja, déja vu: Da gab es schon die Kybernetik/Systemdynamik, dann kam die Chaostheorie, inzwischen sind komplexe adaptive Systeme und Lebenswissenschaften hip: Jedes Jahrzehnt hat seine neue faszinierende, ursprünglich naturwissenschaftliche Denkwelt hervorgebracht und irgendwann entdecken nach den akademischen Zirkeln auch hochkarätige Business Consultants die Konzepte, benutzen die Ideen und versuchen sie auf Probleme wie die Führung und Umgestaltung von Unternehmen anzuwenden.
Autor Pascale ist völlig zu Recht von Chaostheorie und komplexen adaptiven Systemen begeistert. Seine Beispiele und Unternehmenshistörchen sind teilweise sehr interessant. Immerhin: Seine Schlussfolgerungen und Regeln für den Unternehmenswandel sind auch ganz beachtlich. Aber beim Erläutern der "harten" Kernkonzepte zB. der Chaostheorie vergaloppiert er sich doch manchmal ziemlich - teilweise so sehr, dass die unmittelbaren Folgerungen komplett falsch werden. So wird das Konzept des "Seltsamen Attraktors" völlig irreführend dargestellt und zu unzusammenhängenden Folgerungen und Analogien missbraucht.
Wenn man sich damit zufrieden gibt, dass man im Buch erfährt, dass die Lebenswissenschaften und die Komplexitätstheorie heisse Themen sind, dass man erfährt, wie einige Unternehmen und Organisationen (zB. das amerikanische Militär) schon tiefgreifende Änderungsprozesse mit dem Selbstverständnis eines komplexen adaptiven Systems durchgezogen haben, dann ist das eine interessante und spannende Lektüre, speziell für strategisch denkende Manager und Change Agents. DAS große populäre Werk, in dem eine frische, auf neuer "hard science" aufbauende strategische Denkweise auf Wirtschaft, Unternehmensstrategie und Change Management angewandt wird, ist dieses Buch aber noch nicht und den Einfluss wie zB. Peter Senges "Fünfte Disziplin" wird es nicht erreichen. Dazu sind die Darstellungen auf der Science-Seite noch zu wenig überzeugend, alles baut zu sehr auf anzweifelbaren Metaphern und Analogieschlüssen auf - wobei der Autor kurioserweise ganz im Gegenteil behauptet, alles beruhe auf harten wissenschaftlichen Fakten.
Trotz dieser Kritik an Pascale's Darstellung: Die Idee, dass die Denkweise der komplexen adaptiven Systeme viel Nützliches für die Welt der Wirtschaft hervorbringt und hervorbringen wird, ist natürlich ganz richtig (wenn auch natürlich nicht auf Pascales Mist gewachsen) und deshalb sei ihm und dem Verlag gedankt, dass sie dieser Verbindung ein ganz interessantes, populär daherkommendes Buch gewidmet haben. Fazit: Durchaus empfehlenswertes Buch, aber was die Darstellung der zugrundeliegenden Naturwissenschaft angeht, mit etwas Vorsicht zu geniessen. Am Besten macht man sich über die Konzepte anderweitig schlau.