Dieses Buch schafft (mindestens) dreierlei: es spricht in fantasievoller Sprache und Bildern, die oft humorvoll sind, ohne an Tiefe zu verlieren. Es bietet einem neun ganz verschiedene und für sich genommen liebens- und lesenwerte "traditionelle" Romangeschichten quer über den Globus. Vor allem aber verwebt es diese einzelnen Geschichten dort miteinander, wo sich die Leben der jeweiligen Menschen tatsächlich berühren. Nämlich da, wo es zu zufälligen Begegnungen kommt, da, wo sich ihre Wege kreuzen, weil sie mit einem ähnlichen Anliegen zu tun haben.
Doch weil diese Anliegen oder Vorhaben für die Einzelnen konkret jeweils etwas ganz anderes bedeuten, darum lernen sich diese verschiedenen Menschen in dem "übergeordneten" Gesamtroman nicht wirklich kennen. Sie begegnen sich eben nur. Doch der Leser lernt jeden von ihnen kennen und kann den tieferen Zusammenhang, die gemeinsamen verbindenden Muster aufspüren. Mitchell verzichtet darauf, einen künstlichen Handlungs- oder Ereignisstrang zu konstruieren, welcher diese verschiedenen Leben mehr als lose miteinander verknüpft. Wozu auch? Es gehört eben gerade zum Beeindruckenden dieses Romans von Mitchell, dass er die Verbundenheit und den inneren Zusammenhang all der Menschen fühlbar und spürbar macht, auch ohne hierfür eine verbindende Logik der Ereignisse und Handlungen zu bemühen.
Dabei ist der Autor den Menschen, von denen er erzählt immer sehr nah und beschreibt sie mit viel Einfühlung. Und so, wie Menschen eben äußerst verschieden sind, sind dann auch die Weisen des Erzählens in den einzelnen Abschnitten äußerst verschieden. Und immer wieder hatte ich beim Lesen das Gefühl: "Ja, genauso läuft es im menschlichen Leben ab."
Doch selbst, wenn man keinen Zugang zu diesem losen Verweben von Einzelnem bekommt, lohnt sich das Buch allein wegen seiner Sprache und Bilder. Man kann den Roman beinahe willkürlich aufschlagen und findet Sätze wie die folgenden:
"Ich weiß ja nicht, wie es Ihnen geht, aber mein Leben ist ein Brunnen, und ich sitze mittendrin. Das Wasser reicht mir schon bis zum Hals, aber stehen kann ich immer noch nicht."
"Die Evolution und die Geschichte sind das Billard der Teilchenwellen."
"Die Minuten schleppen sich wie ein angeschossener Hollywoodgangster über einen Korridor."
usw.
Ich mag dieses Buch sehr und halte es ähnlich wie Mitchells "Wolkenatlas" für hervorragend.