Wer sich für die Musik von Mike Oldfield interessiert und begeistern kann, kommt - vorausgesetzt seine Englischkenntnisse sind profund genug - um dieses Buch nicht herum. Es bietet Antworten auf Fragen, die sich mir in der intensiven Auseinandersetzung mit seiner Musik immer wieder seit mittlerweile über 25 Jahren stellten: Wie kam er darauf? Welche Beweggründe hatte er? Warum hat er diesen Titel gewählt? Wie hat er die Musik aufgenommen? Welches war seine musikalische Vorbildung/Ausbildung? Seine Lebensumstände? Und was ein "Fan" noch so wissen will ....
Mike Oldfield schildert ausführlich seine Kindheit, das Leben in der Familie (seine Geschwister Sally und Terry sind ja ebenfalls in der Musikwelt bekannt), seine Aussenseiterrolle und seine Gefühlswelt. Er beschreibt, wie er sich in seiner Musik befreit fühlen konnte, wie er in ihr aufging und wie sie sein Lebensinhalt wurde. Der Leser lernt die Musikindustrie der 60er und 70er Jahre kennen, die Musiker mit ihren Drogen und alternativen Lebensarten. Er erfährt, wie und woher sich die Protagonisten der Musikszene gegenseitig kannten, welche Zufälle es gab, mit denen einige plötzlich zu "Stars" wurden. Oldfield beschreibt aber auch seine immer problematischer werdenden psychischen Probleme, die eingefleischten Fans vom Hörensagen immer schon bekannt waren, und die Auswege daraus. So beginnt das Buch mit Szenen einer Therapieveranstaltung, die ihn nachhaltig beeinflusste. Er stellt seine ersten musikalischen Gehversuche in den Pubs und Clubs seiner Zeit, seine Erfolge, seine Ängste live zu spielen, seine Freundschaften und sein Verhältnis zur Musikindustrie dar. Er schildert, was ihn zu jedem einzelnen Album trieb und welche Vorgehensweise er hatte. Besonders interessant ist z.B., wie "Moonlight Shadow" entstand, das sich doch deutlich vom Rest seines Schaffens unterscheidet. Er gibt gibt dem Leser Einblicke in seine Gedankenwelt, seine Ansichten und Überzeugungen, ohne missionierend zu sein. Er bleibt sachlich und bisweilen humorvoll. Und man liest auch, welche Musik der "Meister" selbst gern hört.
Schade ist nur, dass er seine Jugend und die musikalischen Anfänge sehr ausführlich beschreibt (bei den Aufnahmen zu "Tubular Bells", seinem ersten Album, ist schon die Mitte des Buches erreicht!), während spätere Perioden eher gerafft dargestellt werden. Dadurch entsteht der Eindruck, dass die für ihn wichtigste Zeit die 60er und 70 Jahre waren und dass danach nicht mehr viel kam. Dies wäre sicherlich nicht korrekt.
Mike Oldfield verquickt in angenehmer Art und Weise seinen musikalischen Werdegang mit Informationen aus seinem Privatleben. Nicht so, wie es ein Leser der Regenbogenpresse wissen will, sondern dezent, auf das Wesentliche beschränkt. Wer also sensationsgespickte Insiderstories lesen möchte, vielleicht sogar von sexuellen Orgien, wie es manche nicht vergleichbare deutsche "Komponisten" (oh Graus!) getan haben, wird hier enttäuscht werden. Er ist eben ein ernst zu nehmender Musiker, kein Entertainer. Ihm ging und geht es immer um die Musik, nicht ums Geldverdienen!
Oldfield ist kein Literat - ein Buch von Neil Peart (Rush) liest sich anders - aber es ist durchgängig klar und leicht verständlich geschrieben, überfordert auch einen non-native Speaker nicht unbedingt. Ich habe das Buch an wenigen Abenden durchgelesen und konnte gar nicht aufhören zu lesen - ein echtes Kompliment, das ich Mr. Oldfield machen muss! Das passiert nicht so oft.
Für mich, der ich selbst Hobby-Musiker bin und dies von frühester Kindheit immer sein wollte, wozu sicher Mike Oldfield entscheidend mit beigetragen hat, ist er DER kontemporäre Komponist schlechthin. Ich kenne keinen anderen, der es so gut versteht, die emotionalen Saiten in mir zum Schwingen und Klingen zu bekommen. Ich bin ihm für dieses Buch und die Antworten auf lang gestellte Fragen sehr dankbar! Ich konsumiere seine Werke nun mit einem anderen - vielleicht besseren - Hörverständnis. Und das war es allemal wert. Schade nur, dass nur wenige meiner Landsleute dieses Buch jemals lesen werden!