"Der Mensch mag sich noch so weit mit seiner Erkenntnis ausrecken, sich selber noch so objektiv vorkommen: zuletzt trägt er doch nichts davon als seine eigene Biographie.", so zitiert aus Friedrich Nietzsches "Menschliches, Allzumenschliches".
Wahrhaft zutreffend für den Protagonisten in Claude Arnauds preisgekröntem und von Ulrich Kunzmann hervorragend ins Deutsche übertragenem Werk "Chamfort. Die Frauen, der Adel und die Revolution."
Wer war Chamfort?
Ein Erfolgsschriftsteller, ein Moralist unter dem Ancien Régime - dem Staats- und Gesellschaftssystem des absolutistischen Frankreich vor 1789 -, ein großer Begeisterter der Französischen Revolution, eine vergessene Größe seiner Zeit?
Trotzdem er oft zitiert - unter anderem von Nietzsche und Schlegel - oder gar mit dem berühmten Spruch "Friede den Hütten, Krieg den Palästen" von Georg Büchner plagiert wird, hat sich bis in die heutige Zeit "etwas von jenem Geheimnis und jener Doppelsinnigkeit, mit denen er sein Leben umgeben hatte" bewahrt.
Chamfort war "der rätselhafte Souffleur der Weltgeschichte".
Claude Arnaud preist in seiner Biografie das Geschick eines Menschen, "dessen geistiges Talent nicht dazu ausreichte, von den Leuten anerkannt zu werden, die ihren gesellschaftlichen Status allein ihrer Herkunft verdankten."
Der Autor zeichnet Chamfort als einen Menschen, "der noch ironischer und unglücklicher als seine Maximen und gewiss ebenso vielschichtig wie sein geheimnisvollster Zeitgenosse ist: Rousseau. Eine Persönlichkeit, die unablässigen Metamorphosen und tiefinneren Revolutionen unterworfen war, jedoch unnachgiebig auf ihrer Unabhängigkeit bestand".
Das vorliegende, außergewöhnliche Werk ist eine tiefenpsychologische Analyse und ein großartiges Zeitzeugnis des 18. Jahrhundert.
Arnaud zeichnet ein stimmungsvolles Bild einer Zeit der Kultur und des Müßiggangs und fasst wichtige kulturgeschichtliche Wenden faszinierend zusammen.
Dass der Biograph Claude Arnaud auch Romanautor ist, merkt man dieser nuancenreichen und einfühlsamen Biografie anhand ihrer verschwenderisch eingestreuten Details an. Aber Vorsicht, Arnaud formuliert nicht unbedingt einfach und sein Denken ist sehr voraussetzungsreich.
Einzigartig ist der Anhang mit siebzig bisher unveröffentlichten oder nie nachgedruckten Maximen, Anekdoten, Aussprüchen und Dialogen dieser widersprüchlichen Persönlichkeit.
Fazit: Claude Arnauds brillante, hoch intellektuelle Biografie des Sébastien Roch Nicolas de Chamfort zeichnet einen Menschen, der das ständige Bedürfnis verspürte, sich selbst zu definieren, dem aber auch bewusst war, wie relativ eine derartige Definition ist.
Arnaud beleuchtet großartig die Schattenseite eines Jahrhunderts, das glücklich, spielerisch, gesellig, libertinistisch und der Neurose und dem Pathos abgeneigt sein wollte.