sexualität schockiert immer noch - wie drogen-kriminalität, selbstmord, raubüberfall - es werden die gesellschaftlichen regeln über- oder besser untersprungen, man findet sich plötzlich jenseits der heilen welt. helmut newton wurde auf diese weise berühmt, sade, casanova, boccaccio. die fotografin bettina rheims provozierte bereits mit ihrem bildband "INRI", der unter anderem einen weiblichen akt an einem kreuz zeigte, sie wurde in museen ausgestellt - und legt mit ihrem "chambre close" eine weitere arbeit vor, die eher visuelle literatur a la stendhal oder balzac ist als derzeit übliche akt-fotografie. in ihrem buch findet man nicht die üblichen pin-up-posen, glamour-models, studio-foto-sets. man erhält einblick in obskure pariser hotelzimmer, unübliche modelle, privatheit, die noch nicht abgewetzt ist durch den common sense der mittlerweile akzeptierten playboy-vorzeige-welt. diese privatheiten ängstigen fast wegen ihrer direktheit - und des selbstbewusstseins der modelle. hier ist der fotografin erstaunliches an vertrauensbildung gelungen. dies erreichen nur außergewöhnliche künstler-persönlichkeiten, nicht allerwelts-knipser. bettina rheims setzt hier vielleicht einen neuen maßstab für aktfotografie beziehungsweise für den mut zur privatheit, vielleicht auch für einen persönlichen stolz auf erotische wirkung. der den fotografien beigegebene text ist das (fiktive) tagebuch eines 73jährigen anonymen monsieur X, der in eine galerie kommt, um vor seinem tode noch schnell alles loszuwerden, was er im leben zusammenfotografiert hat. so etwas gibt es vielleicht auch in wirklichkeit. manche jedoch verstecken sich gar nicht mehr - wie die kollegen der bettina rheims: lagerfeld, newton, haskins, ommer ...