Eines der Merkmale der Bilder von Bettina Rheims ist sehr oft die Verwendung von eigentlich recht hartem Licht und starker Kontraste, so dass die Konturen zu Flächen verblassen oder durch Schlagschatten extrem betont werden. Gerade bei dieser farbigen Akt-Serie "Chambre close" wird dieses dem Thema entsprechend Gewinn bringend eingesetzt. Die Akte strahlen definitiv die kühle aber vielleicht gerade deswegen prickelnde Atmosphäre des in einem Hotelzimmer in aller Eile und Heimlichkeit gemachten leicht vojeuristischen Bildes aus; ein Eindruck, der durch den Begleittext von Serge Bramly natürlich bestärkt wird: Dort wird von einem "imaginären" Hobbyfotografen berichtet, wie er der Obsession anheim fällt, Akte wildfremder Frauen, die er zuvor auf der Straße angesprochen hat, quasi zu sammeln.
Ich fürchte, es gibt genug Leute, die Bettina Rheims bei diesen Fotos einen allzu männlichen Blick auf den weiblichen Körper vorwerfen wollen, ist doch von einer "züchtigen" Weichzeichneratmosphäre nichts zu sehen; dafür scheut sie sich nicht davor, auch einmal den weiblichsten Teil einer Frau, ihre Dreifaltigkeit der Lustbarkeiten oder "Femalia" (ein von Nicholson Baker geschaffenes Wort für das Ensemble des weiblichen Geschlechts) recht explizit mit in Szene zu setzen. Nein, nicht indem mit "anbietendem" Schenkelspreizen gearbeitet wird. Die Bilder stellen (und sollen das auch nicht darstellen) keinen körperlichen sexuellen Akt dar. Es geht um ein erotisches Prickeln, das ohne körperliche Berührung auskommt. Der Akt besteht im Zeigen und Betrachten. Und bei diesem Spiel besteht eben keine Veranlassung das weibliche Geschlecht als "Unsäglichkeit" zu verbergen, sondern es ist eben als natürlicher Teil der Frau zu sehen.
Wer nach sehr expliziten Bildern sucht, ist vielleicht enttäuscht. Wer nach Akten sucht, die nicht verzweifelt verklemmt sind, sondern etwas wagen, sollte Freude mit diesem Buch haben.