Selbst weniger aufmerksamen Beobachtern wird es im letzten Jahr, aber auch schon davor aufgefallen sein, dass Williams sich mit zunehmendem Alter auch zusehends von seinen Klangkonventionen der 70er, 80er und Mitte 90er loslöst. Mit den minimalistischen Passagen in „A.I.", der harschen, ungefälligen, in Teilen herrmannesquen Action- und Suspensepartitur zu „Minority Report" und den progressiven Jazzelementen in „Catch Me If You Can" weiß der Meister, fast schon wie selbstverständlich, gekonnt umzugehen, sodass man in jeder seiner noch kommenden Musiken einen neues potenzielles Highlight vermuten darf. Selbst der sehr stark in konventionellen Musikwelten schwebenden „Star Wars" - Saga verpasste der New Yorker mit eigenwilligen Percussion- und Streicherpassagen im „Attack of the Clones"-Score eine unerwartete Frischzellenkur.
Somit hat Williams neben Danny Elfman z.Z. auch den wohl beeindruckendsten Lauf unter den Filmkomponisten, sowohl was Quantität, als auch Qualität angeht, wenn auch einige der alten Fans, vormerklich die amerikanischen, diese neue Entwicklung, weg von eindeutigen Festlegungen auf konventionelle Musik, mit gemischten Gefühlen sehen. Es spricht für Williams, dass er bei aller Initiative, die er bei seinen Musiken neuerdings stärker ergreift, immer noch fähig ist, im besten Sinne traditionelle Musiken wie "Harry Potter and the Chamber of Secrets" zu komponieren, unter Zeitdruck und mit klaren qualitativen Ansprüchen.
Man merkt dem Score zwar eine gewisse, in Teilen auch filmbegründete, leicht düsterere Grundstimmung, als dem Vorgänger an, doch diese tritt vor allem erst in der zweiten Hälfte der CD verstärkt ins Licht. Die erste Hälfte ist reines Williams-Entertainment.
Nach dem Prologue: Book II and The Escape from the Dursleys, einer Variation der Themen aus Teil eins (hier muss man den Namen Williams Ross denn auch fett dahinter schreiben, geradezu exemplarisch wird indem seine Aufgabe deutlich) begegnen dem Hörer zwei hervorragende neue Themen, die, ‚wie immer' möchte man sagen, handwerklich perfekt im Konzertcharakter in Szene gesetzt werden:
Fawkes the Phoenix & The Chamber of Secrets. Ersteres ist eine wunderschöne, getragene Melodie, wie geschaffen für die voluminösen Streicher des London Symphony Orchestra, deren leichte Melancholie hervorragend dem bittersüßen, immer währenden Leben-Tod-Kreislauf des magischen Phönix-Vogels entspricht. Sie ist unmittelbar eingängig, wird aber trotz ihrer Prägnanz, ob ihrer ergreifenden Wirkung nur wohl dosiert im weiteren Scoreverlauf verwendet, hat dafür aber ausschließlich, besonders im Actionfinale, einzigartige Variationen vorzuweisen.
The Chamber of Secrets trägt dem düstereren Charakter des Filmes exquisit Rechnung, ist ähnlich eingängig wie das Phönix-Thema, wenn auch auf eine finsterere Art. Die geheimnisvolle Melodie tritt denn auch immer dann in Erscheinung, wenn die titelgebende Kammer im Film eine wichtige Bedeutung erhält. Williams zeigt beispielhaft, was man in nur knapp 4 Minuten an Abänderungen vornehmen kann. Strukturell ähneln beide Stücke freilich den gewohnten Williams-Konzertarrangements anderer Schlüsselthemen, u.a. auch dem von Across the Stars aus „Attack of the Clones".
Die unheilvoll-vorrausschauende Natur der Melodie, verbunden mit den zahlreichen Modifikationen, die sie erfährt, legen trotz ihrer im Film noch an die Kammer gebundenen Bedeutung einen Motivcharakter parallel zum düsteren Voldemort-Motiv aus Teil eins für die noch folgenden Teile nahe, während das Phönix-Thema wohl eingeengter bleiben wird (Man darf sich deshalb sicher freuen, dass der neuste Band der Buchreihe „Harry Potter and the Order of the Phoenix" heißt).
Neben dem Voldemort-Motiv, das in Meeting Tom Riddle einen aufbrausenden Auftritt hat, finden sich selbstverständlich auch viele andere Themen aus dem Vorgänger auch auf dieser CD wieder. Dem Hedwigs-Theme, das sowohl die allgegenwärtige Magie sowie die Zauberschule Hogwarts charakterisiert, widerfahren erneut viele Auftritte in den unterschiedlichsten Formen, als Andeutung ebenso wie voll ausgespielt. Ebenso das Thema aus „Harrys Wondrous World" auf der ersten CD, das mancher gerne als Schwachpunkt der ersten Partitur benennt, ist wieder vertreten
Glücklicherweise hat es auch eine Signatur auf die zweite CD geschafft, die zwar im ersten Film, aber nicht auf dessen Soundtrack zu hören war, nämlich eine düstere Streicherfigur für den nahe Hogwarts gelegenen düsteren Wald (-> Meeting Aragog).
Weitere neue thematische Ideen sind ein Motiv für den von Kenneth Branagh verkörperten, richtig schön eingebildeten Zauberlehrer Gilderoy Lockhart, das entfernt an No Ticket aus „Indiana Jones and the Last Crusade" (1989) erinnert, sowie ein warmes einfaches Thema für Dobby, den treuen Hauselfen (Track 9).
Ein von Flöten vorgetragenes Spinnenmotiv läutet am Beginn von The Spiders ein, der der (nur von einem erneut wunderbar-lyrischen Statement des Phönix-Themas in Fawkes is Reborn unterbrochenen) zweiten CD-Hälfte eine dunklere Richtung gibt. Wurden zuvor - abseits des fröhlichen Actiontracks The Flying Car - im Grunde nur die neuen Themen vorgestellt bzw. in Teilen etabliert und die alten erneut ausgespielt, so kommt Williams jetzt zu seinen von Streichern bestimmten spannungs- und von Bläsern und Schlagwerk dominierten actiongeladenen Stücken, die verdeutlichen, dass die Handlung nun ernster wird. Und gleich mit dem Stück The Spiders bekommt man eine schön schaurige Mixtur aus beiden Elementen, deren furioses wie temporeiches Finale derweil auch den kritischsten Williamsfan, selbst wenn er normalerweise Düsterem nicht viel abgewinnt, vertrösten kann; wohlbemerkt auch, weil hier, wie in jedem anderen dieser Tracks immer noch relativ eingängig komponiert wurde, wir befinden uns ja immer noch in Hogwarts.
Doch auch der zwielichtigste Winkel der Zauberschule, die Kammer des Schreckens, bleibt musikalisch nicht verborgen. Zu Hören im Action-Highlight der CD, Dueling the Basilisk, das nach der Einleitung durch die mit Abstand schönste und triumphalste Ausarbeitung des Phönix-Themas zu für Potter-Verhältnisse „brachialen" Schlagwerk- und Bläserphrasen umschwingt. Dem Anspruch des Films, auch gruselig zu sein, wird die Musik in diesem Finale besonders gerecht.
Die CD klingt mit altbekanntem thematischen Material in geringer Variation aus, was zwar wenig einfallsreich ist, der Homogenität beider Kompositionen (trotz jeweiliger Eigenständigkeit) aber zu Gute kommt, auch wenn hier besonders bei Track 20 der Vorwurf der Platzverschwendung aufkommen kann.
Fazit: Williams neuster Zauberstreich, „Harry Potter and the Chamber of Secrets", kommt um einiges frischer daher, als sein Vorgänger, was sowohl an den zahlreicheren neuen und einen Hauch besseren thematischen Ideen liegt, als auch an deren hervorragender Verflechtung mit bekanntem Material und einem Spritzer herberer wie dunkler Passagen. Auch wenn hier immer noch nicht das erhoffte Meisterwerk vorliegt, zeigt sich Williams bei diesem Heimspiel in alten Gefilden wieder äußerst gewand und zielsicher und bringt auch einmal mehr wirklich schöne, mitreißende Passagen zustande.