Komplexe, faszinierende und dennoch stets glaubhafte und stimmige Fantasywelten ufern in der Regel zu umfangreichen Endloszyklen aus - Robert Jordans "Rad der Zeit" und George R. R. Martins "Lied von Eis und Feuer" lassen grüßen. Wem der Gedanke, in fester Reihenfolge tausende Seiten Lesestoff aufzuarbeiten, um auf eine Fortsetzung stets bis zu über zwei Jahren warten zu müssen, zuwider ist, sollte aufmerken: Chalion stellt zwar eine komplexe Welt dar, aber alle Geschichten der geplanten Reihe sind in sich abgeschlossen und nur lose miteinander verbunden; die Helden wechseln. So wird Königinwitwe Ista im zweiten Band der Chalion-Welt, "Paladin der Seelen", die Heldin sein und Lupe dy Cazaril ablösen.
Ein sehr viel versprechendes Konzept, das Abwechslung bei einem gleichzeitig hohen Maß an Komplexität und Hintergrund verspricht, jedoch stets Neulesern einen Einstieg ermöglicht, ohne auf etlichen Vorgängerbüchern aufzubauen. Am Hofe Chalions geht es zu wie im historischen Kastilien und Aragón - Bujold hat diese Zeit gründlich studiert, sie vortrefflich in ihre Fantasywelt übernommen und ihre eigenen Konflikte zwischen Kirche und Staat, den diversen Ritterorden und verfeindeten Nationen daraus entwickelt.
Gewiss eine faszinierende Welt, aber was taugt der Roman an sich? Man wird nicht entäuscht, die Geschichte ist gut durchdacht, humorvoll und gewandt erzählt. Was sich bei anderen Endlos-Zyklen oft über Bände hinwegzieht wird hier in einem Roman erzählt, keinerlei Längen hat dieses durch und durch kurzweilige und unterhaltsame Buch.
Lupe dy Cazaril ist ein wenig an Bujolds Barrayar-Helden Miles Vorkosigan angelehnt, was mich jedoch nicht gestört hat, zu sympathisch war mir der im Zentrum der Handlung stehende Antiheld, wenn er von körperlichen Schwächen geplagt wird und sich mit ausweglosen Situationen konfrontiert sieht. Humor beweist die Autorin, als sie ihn seinen beiden Damen das Schwimmen beibringen lässt, die sich einen Spaß daraus machen, ihren älteren Lehrer mit ihren Reizen in Verlegenheit zu bringen...
Der einzige Vorwurf, den man dem "Fluch von Chalion" machen kann, ist sein etwas altbackener, klassischer Aufbau: Natürlich gibt es ein Happy End für Cazaril und alle anderen, Bösewichte und gute Jungs sind von vorneherein offensichtlich festgelegt und klar zu erkennen.
Dennoch ist das Buch nicht, wie man befürchten könnte, einfältig simpel. Lois McMaster Bujold hat mit "Chalions Fluch" ein Meisterwerk geschaffen, das auch für die Zukunft der Serie große Hoffungen weckt. Sowohl Freunde episch breiter Fantasyzyklen als auch Freunde historischer Romane sowie Fantasyeinsteiger werden mit diesem Konzept glänzend bedient. Die Geschichte an und für sich ist zwar hochgradig konventionell, jedoch auf einem so hohen Niveau, das wohl kaum jemand darüber die Nase rümpfen kann - im Gegenteil: Ich wünsche mir noch viel mehr davon! Zumal auch die Übersetzung von erster Güte ist.