Manche Filme lösen etwas in einem aus, bewirken etwas, verändern die Stimmung und vielleicht sogar die Sichtweise auf sich selbst und andere. Sie setzen etwas frei, wenn auch nur vorübergehend, das man weder beschreiben noch wirklich benennen kann. Sie lösen keine Begeisterungsstürme aus, lassen einen das Kino aber dennoch mit einem kleinen Lächeln im Gesicht verlassen. 'C'est la vie' ist so ein Film. Auf den ersten Blick wirkt er unspektakulär, mäßig spannend, vielleicht sogar beliebig, aber seine Wirkung setzt sich nach und nach frei und hinterlässt ein wohlig-warmes Gefühl in der Magengegend und die Gewissheit, dass gerade solche Filme definitiv ihre Berechtigung in der großen, nach Superlativen gierenden Welt der Millionen-Dollar-Produktionen haben, eben weil sie sich fast unmerklich aber gekonnt ihr Publikum verdienen, indem sie einfach eine Geschichte erzählen wollen.
Regisseur und Drehbuchautor Rémi Bezançon, hierzulande weitestgehend unbekannt, lässt uns über 12 Jahre am Leben der französischen Familie Duval teilhaben. Er wählt einen durchaus interessanten Erzählstil, indem er aus den Jahren 1988, 1993, 1996, 1998 und 2000 jeweils einen Tag herauspickt und an diesem jeweils ein Mitglied der Familie ins Rampenlicht rückt. Durch verschiedene Filmtechniken sorgt er dafür, dem Charakter des jeweiligen Familienmitglieds ein wenig gerecht zu werden und den Zuschauer bei seinen relativ unspektakulären Alltagsbetrachtungen bei der Stange zu halten. Dies gelingt ihm auch überwiegend, wenn auch nicht jede Szene des 114minütigen Films die gleiche Intensität vorzuweisen hat.
La chronique:
1988 - Albert Duval: Albert ist 18 und hat einen schweren und einen leichten Gang vor sich. Er muss seinen ebenfalls 18jährigen Hund einschläfern lassen und will ausziehen. Nachdem er den Hund im heimischen Garten begraben hat, packt er, sorgenvoll beäugt von Mama Marie-Jeanne, seine Sachen und zieht in eine kleine Mansarden-Wohnung. Trotz der Trauer um seinen Hund freut er sich auf seine erste eigene Wohnung, lässt sein erstes Omelett anbrennen und lehnt dennoch Marie-Jeannes Aufforderung, abends zum Essen zu kommen, ab. Stattdessen macht er die Bekanntschaft von Prune, seiner Nachbarin, die er später heiraten wird.
1993 - Fleur Duval: Fleur wird an diesem Tag 16, doch leider hat ihre komplette Familie dies vergessen. Trotzig verfolgt sie ihren Plan, genau an diesem Tag ihre Unschuld an den selbstverliebten 21jährigen Sacha zu verlieren, obwohl sie eigentlich auf Eric, einen Freund ihres Bruders Albert steht. Des Weiteren wird sie von den typischen Teenie-Problemen geplagt, zu denen auch gehört, ihrer Mutter erklären zu müssen, dass ihr 'Grunge'-Look nicht pennermäßig aussieht, sondern ein Tribut an ihr Idol, Kurt Cobain, ist.
1996 - Raphaël Duval: Raphaël weiß mit Anfang 20 immer noch nicht so genau, was er mit seinem Leben anfangen soll. Er studiert erstmal Kunst und findet es eigentlich gar nicht so schlecht, dass sich seine Mutter ebenfalls entschlossen hat, wieder zu studieren und somit mit ihm in den gleichen Kursen sitzt (kann er doch so im Zweifel die Hausaufgaben von ihr abschreiben). Er lässt sich treiben und entwickelt nur beim Luftgitarre spielen einen gewissen Ehrgeiz. Bei einem Wettbewerb lernt er MoϦra kennen, die sich wider Erwarten tatsächlich für den labilen Träumer zu interessieren scheint. Er entwickelt, angeregt und angeleitet durch Großvater Pierre, eine Leidenschaft für Wein, was ihn auf zahlreichen Umwegen zum Sommelier werden lässt.
1998 - Marie-Jeanne Duval: Marie-Jeanne ist auf der Suche nach sich, glaubt sie doch, sich in ihrer harmonischen, jedoch etwas eintönigen Ehe, verloren zu haben. Sie experimentiert mit ihrem Fotoapparat herum, zeigt sich verwundert bis genervt davon, dass Raphaël wieder zu Hause eingezogen ist und hat Probleme mit der post-pubertären Phase von Fleur, die oft tagelang verschwunden bleibt. Sie beschließt, im fünften Anlauf ihren Führerschein zu machen und begeht dabei einen ebenso fatalen wie kuriosen Fehler. Sie trifft sich mit ihrem Fahrlehrer Philippe und überlegt, ob er der Weg aus der von Fleur diagnostizierten sexuellen Frustration ist.
2000 - Robert Duval: Robert beschließt, mit 55 Jahren endlich mit dem Rauchen aufzuhören. Bei seinem Arzt muss er sich, aufgrund seiner Fast-Namensgleichheit mit dem Schauspieler Robert Duvall, eine bizarre Performance aus Doktors Lieblingsfilm mit Duvall, 'Apocalypse Now', anhören, bevor er endlich seine Diagnose bekommt. Er verbringt daraufhin einen Tag mit seinen beiden Söhnen und erzählt ihnen Geschichten aus seiner Jugend, unter anderem eine sehr amüsante Anekdote, wie er seinem damaligen Schwarm Delphine als Liebesbeweis ein paar seiner Schamhaare schickte.
Ein paar Monate später nimmt das Leben der Familie Duval eine dramatische Wendung, die einerseits das Ende des Films ankündigt, andererseits neue Perspektiven schafft...
Bezançon hat einen kleinen, warmherzigen, stellenweise skurrilen, aber immer herzigen und überaus realistischen Film abgeliefert, der sich zwar stellenweise ein wenig in Belanglosigkeiten verliert, seinen Fokus aber immer auf den Duvals hat und sie so zeigt, wie sie nun mal sind, wie das Leben nun mal ist. Und dazu gehört auch viel Alltag, Frust, falsche Entscheidungen und Stillstand. Somit läuft der Film immer mal wieder kurz aus dem Ruder, verliert aber nie das Ziel seiner Reise aus den Augen und vermag es, immer wieder schnell auf den richtigen Kurs zurückzusteuern. Durch kleine Kniffe wie Rückblenden, Visualisierung nur gedachter Worte, Zeitsprünge und die Verlagerung des Schwerpunktes auf die unterschiedlichen Familienmitglieder gelingt Bezançon ein überwiegend rundes und rührendes Gesamtwerk, das von einem treffenden, vornehmlich französischsprachigen Soundtrack untermalt wird. Die Darsteller sind mit all ihren Stärken und Schwächen überaus sympathisch und dabei auch noch hübsch anzusehen. Wenn der Film zu Ende ist, merkt man plötzlich, dass man diese fünf Duvals alle ein bisschen in sein Herz geschlossen hat. C'est la vie! Vier von fünf kleinen, schönen Momenten, die einem dieser Film beschert. Merci!