Das seit einem Vierteljahrhundert bestehende Vienna Art Orchestra hat sich zum Millenniumswechsel auf eine vergnügliche Zeitreise begeben. Wie von seinem Leiter Mathias Rüegg gewohnt wird auch das neue Album thematisch erfasst. Das letzte Jahrhundert mit all seinen verschiedenen Spiel- und Stilarten steht auf dem Programm. Von New Orleans bis Bebop, von Swing zu Funk, Free und World: das Orchester umschifft sicher die Klippen der Stile, spielt mit ihnen und verleibt sie sich mitunter ein. Der vorliegende Live-Mitschnitt legt beredt Zeugnis ab von den vielseitigen Qualitäten dieser Band, die sich immer wieder neu orientiert, und von der Vielfalt des Jazz, der sich ebenso stets erneuert. Die Zeitreise durch Stilistiken macht deutlich, welch hervorragende Solisten das Orchester beleben. Der Baritonsaxophonist Herwig Gradischnig etwa, der gelenkige Bepob-Chorusse zum Besten gibt, Kollege Andy Scherrer, der sich betont cool gibt, und Trompeter Matthieu Michel, den selbst ein stampfender Rock-Rhythmus nicht aus dem Konzept bringt, überzeugt mit hitzigen Phrasen; Posaunist Christian Muthspiel überzeugt durch mehrstimmiges Spiel, das immer wieder geräuschhaft gebrochen wird. Das Vienna Art Orchestra wagt den Spagat von Ragtime über New Orleans bis zum aktuellen Techno- und Clubsound. Es taucht ebenso selbstverständlich in den Fusion-Sound der 70er Jahre ein wie es verschiedene Genre der Weltmusik, die das Jahrzehnt später beherrschen, auf die Schippe nimmt. Das Ganze geschieht nicht ohne ironisches Augenzwinkern. Wenn der Chef schließlich im glänzend gestalteten Booklet dem Hörer dann noch erklärt, was Jazz ist, ist die Spitze der Ironie erreicht. Wahrer Jazz erfährt man, sind Bachs Goldberg-Variationen, gespielt von Glenn Gould