Cemetery Junction, ein Vorort von Reading, England ist 1973 die Heimat von Freddie (Christian Cooke), Bruce (Tom Hughes) und Paul (Jack Doolan). Kleinstadt-Mief, Langweile und die typischen Probleme der Arbeiterklasse, aus der sie kommen, beschäftigen die drei Mittzwanziger in ihrem Alltagsleben. Paul ist Bahnhofsvorsteher, Bruce arbeitet im örtlichen Stahlwerk und Freddie... ja, Freddie hat Ambitionen. Er will etwas erreichen in seinem Leben und bewirbt sich bei Versicherungsmakler Kendrick (Ralph Fiennes, "Der Vorleser") um einen Job, den er auch bekommt. Zusammen mit Kendricks bestem Mann, Mike (Matthew Goode, "A Single Man"), zieht er los und versucht, den Leuten Lebensversicherungen anzudrehen. Bruce hingegen ist gefangen in der Lethargie des nicht gelebten Lebens seines Vaters, den er verachtet. Er spricht seit fast zehn Jahren davon, aus Cemetery Junction abzuhauen, aber mehr als große Sprüche und Prügeleien, die ihm regelmäßig eine Nacht im Knast bescheren und seinem eintönigen Job im Stahlwerk sind nicht dabei rumgekommen. Paul versucht der Monotonie seines Lebens zu entkommen, in dem er sich wie Elton John kleidet und mit ziemlicher Regelmäßigkeit durch seine dämlichen Sprüche sämtliche Chancen auf weibliches Interesse an ihm zunichte macht. Was es bedeuten kann, mehr vom Leben zu erwarten, begreift Freddie erst, als er die Tochter von Kendrick, Julie (Felicity Jones) kennen lernt. Ihre Träume inspirieren ihn zu einem großen Schritt, der alles verändert...
"Cemetery Junction" ist ein wunderbarer kleiner Film, der allerdings seine Zeit braucht, bis er seinen ganzen Charme entfaltet hat. Das hat zur Folge, dass sich die insgesamt 95 Minuten am Anfang teilweise ganz schön ziehen, obwohl die Regisseure, Schauspieler und Drehbuchschreiber Ricky Gervais ("The Office") und Stephen Merchant (ebenfalls "The Office") hier einen guten Job gemacht haben. Die drei Jungs und ihr soziales Umfeld werden ausführlich vorgestellt, allerdings passiert am Anfang noch nicht allzu viel bzw. es wird ziemlich viel rumgelabert, was dem Timing des Films nicht immer zuträglich ist. Die Drei blödeln und labern sich so durch Cemetery Junction und viel mehr, als ihnen beim saufen, reden und prügeln zuzusehen, hat man anfangs nicht zu tun. Auch der Generationenkonflikt zwischen Eltern und Kindern wird rhetorisch nicht immer souverän gelöst, so dass so mancher Gag leider im Sande verläuft. Gerade, als man sich zu fragen beginnt, was und warum die Regisseure hier eigentlich für eine unspektakuläre Geschichte erzählen, kriegt "Cemetery Junction" irgendwie die Kurve und lässt einem die Charaktere mehr und mehr ans Herz wachsen, egal, wie dämlich sie sich manchmal benehmen. Gervais' und Merchants Gefühl für die Probleme und Konflikte ihrer Protagonisten nimmt fortan stetig zu und macht "Cemetery Junction" mehr und mehr zu einem einfühlsamen Coming-of-Age Film mit einer ordentlichen Portion Ironie, Humor und passendem Zeitkolorit. Wenn dann der Abspann über den Bildschirm flimmert, ertappt man sich bei einem breiten Lächeln und der Erkenntnis, gerade einen wirklich guten Film gesehen zu haben.
Und mit dem Lächeln noch im Gesicht wendet man sich den Extras der Scheibe zu, weil man so gerne noch etwas mehr erfahren möchte über die Entstehung des Films und die Darsteller: Ton in deutsch und englisch in DD 5.1, dazu deutsche, englische und türkische Untertitel, Audiokommentar der Regisseure und der Besetzung, entfallene Szenen, Versprecher, die Regisseure im Gespräch und eine Diskussion der drei Hauptdarsteller über den Film. Die Extras sind kurzweilig und interessant. So kann man bei den entfallenen Szenen feststellen, dass die meisten zu Recht nicht im fertigen Film gelandet sind, aber auch, dass es ein paar Szenen gibt, die wirklich witzig sind und die es verdient hätten, ebenfalls im Film zu erscheinen. Des Weiteren fällt einem an Regisseur Gervais auf, dass er eine überaus nervtötende Lache hat, die einem wirklich unangenehm im Gehörgang klingelt. Zum Glück hat er in seiner Rolle als Freddies Vater nichts zu lachen, so dass einem sein schrilles Gegacker erspart bleibt. Auch das Gespräch der drei Jungs über den Film, ihre Rollen und ihre auch im wahren Leben existierende Freundschaft ist interessant und kurzweilig. Somit haben wir hier endlich einmal ein paar sinnvolle und informative Extras, auf die man ruhig einen Blick werfen sollte.
Nicht unerwähnt bleiben soll hier ebenfalls der stimmige Soundtrack, der sich aus gefühlvollen Orchesterkompositionen und schmissigen 70's Songs zusammensetzt. Die Instrumentalmusik wird vorwiegend bei den stimmungsvollen Landschaftsaufnahmen eingesetzt. Kameramann Remi Adefarasin, 62, kann hier von seiner Erfahrung bei Filmen wie "Elizabeth", "Match Point" oder "Band of Brothers" profitieren und taucht den Film so in wunderschöne englische Landschaften und ein beeindruckend authentisches Stadtbild von Cemetery Junction anno 1973.
All dies wäre natürlich nur halb so wirkungsvoll, wenn nicht noch ein überaus talentierter Cast mit an Bord wäre. Sowohl die drei Jungs, allen voran übrigens der charismatische Christian Cooke, als auch jede einzelne Nebenrolle, sind exzellent besetzt und gespielt. Vom schmierigen Imbissbudenbesitzer Brian bis zur devoten Mrs. Kendrick (Emily Watson, "Breaking the Waves"), sie alle füllen ihre Rollen mit Wahrhaftigkeit und teilweise skurrilem Charme aus. Besonders unsere drei Jungs jedoch decken die ganze Bandbreite der hier nötigen Emotionen souverän ab. Freddies verzweifelte Suche nach Anerkennung, Erfolg und Abenteuer wird von Cooke glaubhaft und nuanciert gespielt. Die Ambivalenz, die seinem Charakter innewohnt, schimmert immer wieder durch und macht ihn nur umso authentischer. Die unterdrückte Wut, die Verzweiflung, aber auch die Verletzbarkeit von Bruce kann Tom Hughes unglaublich gut verkörpern. Und auch Jack Doolan als Paul variiert geschickt zwischen unbeholfenem Tölpel und charmantem Sensibelchen.
"Cemetery Junction" nimmt sich Zeit für seine Geschichte, wodurch es zu einigen kleinen Hängern in der ersten Hälfte kommt, entfaltet dann aber sein ganzes Potenzial, bis er den Zuschauer am Ende mit einem freudigen Schmunzeln aus seiner Geschichte entlässt. Die englische Originalversion, zu der ich wie immer rate, tut ein Übriges, dem Film seinen ganz besonderen Charme zu verleihen und ihn so zu einer kleinen britischen Perle im Independentbereich zu machen, die es wert ist, gesehen zu werden. Deshalb gerne vier von fünf unerfüllten Träumen, die darauf warten, in Erfüllung zu gehen.