Die sechs Suiten für Violoncello solo BWV 1007 bis 1012 von Johann Sebastian Bach zählen zu den Meisterleistungen abendländischer Musikgeschichte. Dementsprechend breit ist das Marktangebot dieser Repertoireklassiker. Die vorliegende Einspielung durch den Österreicher Heinrich Schiff zählt zu den besseren Einspielungen dieser Werke. Dass seine Darbietung technisch brillant ist, braucht wohl kaum erwähnt zu werden. Auf diesen hervorragenden Voraussetzungen aufbauend zaubert er eine Interpretation, die vor Spannung strotzt, aber dennoch devot hinter die zutiefst menschliche Aussage der Stücke zurücktritt.
Gleich beim Hören der ersten Suite in G Dur fällt auf, dass Schiff ein ungewöhnlich flottes Tempo anschlägt. Die viel gehörte Prélude wird dadurch um ein vielfaches spannender als bei so manch anderem Cellisten. Die einzelnen Tänze bietet er betont tänzerisch dar, man höre sich hier allein seine Farbenvielfalt in den beiden Menuetten an, die trotz des zügigen Spiels nie verloren geht.
Besonders bemerkenswert ist, dass Schiff es dennoch schafft, die d moll Suite zu einem wahren Quell an Einfall zu machen, indem er eine unbeschreiblich kontemplative Ruhe erzeugt. Die feierliche Sarabande wird zu einem Fest, die Gigue steckt voller Melancholie. Die knappe Courante verarbeitet der Cellist fein, zeichnet in klaren Linien die Ausnahmestellung dieses Tanzes innerhalb der Suite.
In der C Dur Suite betont Bach die tänzerischen Elemente wie in keiner anderen. Oft schon habe ich gehört, dass manche Cellisten geradezu hinwegwischen über diesen Umstand. Nicht so Schiff: Der tritt zurück hinter die Komposition, nimmt es hier auch in Kauf, recht wenige individuelle Momente in seine Deutung einfließen zu lassen. Sein Spiel ist hier schlicht und unprätentiös.
Von besonderer Fröhlichkeit ist die Es Dur Suite, deren Prélude in dieser Aufnahme äußerst transparent erscheint. Die beiden Bourées bearbeitet Schiff mit besonderer Liebe, die Allemande erstrahlt unter den Händen des Österreichers.
Den letzten beiden Suiten kommt eine herausragende Stellung zu, da sie zum einen aller Wahrscheinlichkeit nach später komponiert wurden als die anderen vier und da sie weiterhin von höchster artifizieller Ausgefeiltheit sind und jedem künstlerischen Prinzip Rechnung tragen. So gehört die c moll Suite zum Besten, was Bach jemals komponiert hat. Das Prélude steckt hier voller Tiefsinn und die Allemande entrückt beinahe. Wenn man dann erst noch hört, wie differenziert Schiff die göttliche Sarabande darstellt, kann einem wirklich Hören und Sehen vergehen.
Die D Dur Suite steckt voller Härte und Ernst, das zeigt schon die hier brillant gespielte Prélude. Gravitationszentrum ist erneut die festliche Sarabande, die zur Ruhe gemahnt. Schiff nimmt die Suite mit höchster Konzentration, spielt demütig und tief empfunden. Die ausgezeichnete Tonqualität kommt der Transparenz in seinem Spiel sehr entgegen.
Fazit: Bestimmt nicht die beste Darbietung der Solosuiten, aber eine bemerkenswerte.