Es gibt viele Vorurteile gegenüber diesen Konzert-Dokumenten aus der späten, reifsten Ära des rumänischen Dirigenten Sergiu Celibidache mit den Münchner Philharmonikern. Wer an gewohnten Vorstellungsmustern festhält, wird seine Schwierigkeiten damit haben. Wer einen mittleren Interpretationsstandard sucht, auch. Wer die Werke von ihrer energetischen Substanz, von der aus dem Harmonieverlauf geborenen Innenspannung erfahren will, wird nichts auch nur annähernd Vergleichbares finden.
Beethoven "beim Wort genommen" - nicht bei den Metronomangaben, auf deren geflissentliche Einhaltung alle pochen, die nicht hörend unterscheiden können, sondern einen äußerlichen Richtmaßstab brauchen, um sich entscheiden zu können, ob das nun "gut" oder "nicht gut" sei. Macht nichts, dann ist von mir aus auch böse oder auch nicht, Hauptsache es stimmt "aus sich selbst heraus". Endlich ein Tempo im ersten Satz der Siebenten, das nicht nur den Dreier-Rhythmus ermöglicht, sondern die Gegensätze von kurzen und gedehnten Notenwerten, die der Komponist explizit vorgeschrieben hat, ausführ- und hörbar werden lässt. Niemanden sonst scheint zu kümmern, ob der Rhythmus in diesem Satz auch nur annähernd stimmt. Oder das Scherzo der Neunten: Ja, hier ist das Trio ein Presto und damit eine spürbare Beschleunigung (bei gleicher Geschwindigkeit der ganzen Takte) gegenüber dem breiteren Haupttempo. Dafür, dass endlich die Proportionen stimmen, nehmen wahre Kenner gerne in Kauf, dass das Scherzo-Tempo langsamer ist, um die Beschleuging zum und im Trio zu ermöglichen. Vieles, vieles mehr ließe sich hervorheben, wie etwa der unendliche Fluss und die alles überschreitende Schönheit des großen Adagios der Neunten - mein Gott, was für einen unermesslichen Atem hatte dieser große Mann, und sein Orchester, solange er es dirigierte (und was für ein gewalttätig-billiger Abklatsch sind demgegenüber die Münchner Thielemann-Dokumente).
Auch die Symphonien von Schumann und Brahms (leider ohne die Frühlings-Symphonie) gewinnen nur von der organischen Gestaltungsweise Celibidache, von dieser unvergleichlichen Kombination von Eindeutigkeit und Flexibilität. Hat man sich erst einmal hineingehört in diesen vollendeten Kosmos zusammenhängender Gestaltung, so wirkt alles andere akademisch, mittelmäßig, blass und grob. Elegischer als sonst erklingt Celibidaches späte Münchner g-Moll-Symphonie von Mozart, Haydn strahlt bisweilen eine magische Todesnähe aus, und Schuberts große C-Dur-Symphonie dokumentiert höchste Spielkultur, selbst wenn das Orchester hier nicht seinen lebenssprühendsten Tag erwischt zu haben scheint. Woraus wir sehen können: Auch an schwächeren Tagen war man mit den unter Celibidache in differenziertester Probenarbeit erreichten Voraussetzungen immer noch turmhoch über allem Durchschnittsgetümmel der philharmonischen Internationale von Chicago bis Moskau. Das ist wahre und zeitlose Größe.
Celibidache 1: Sinfonien