Oft wird dieses Album von den Musik-Kritikern, als seichter, ideenloser und sogar omatauglicher "Schnudelpoprock" abgestempelt, wobei ich immer wieder feststelle, das gerade diese Kritikaster sich weder einschlägig mit den Liedern beschäftigt, noch gründlich mit den großartigen Texten dieser Platte auseinandergesetzt haben. Zugegeben auch ich war beim ersten Hören sehr skeptisch, um nicht zu sagen ein bisschen enttäuscht über die gewohnt fehlende Power - insofern ist das Werk in der Tat omatauglich - aber beim mehrfachen Hören wird ganz schnell deutlich, worum es John Lees und Les Holroyd auf diesem Album eigentlich geht.
Ein Teil der Titel sind Widmungen für Menschen, die den Musikern sehr nahe standen, bzw. auch für Opfer und Überlebende von Kriegen und Naturkatastrophen. Solche Themen mit bombastischen Rockhymnen zu versehen wäre sicherlich Thema verfehlt. So ergibt sich zwangsläufig, dass das Album eher ruhig, getragen und nachdenklich ist, und daher sehr viele großartige Momente im Verborgenen schlummern.
Das Album beginnt mit einem direkten Angriff auf die wertlosen Verhaltensweisen unserer Gesellschaft, und die wirtschaftlichen Skrupellosigkeit, dass die Menschen die Natur aus Profitgier nicht nur ausbeuten, sondern auch systematisch zerstören.
"Wir töten die Bäume. Jetzt fällt kein Regen mehr. Und dort, wo einst Kornfelder waren, ist die Erde nur noch brennender Sand. Wir vergiften die Meere, und leeren Öl ins Grundwasser, und die Luft die wir atmen riecht schon lange nicht mehr gut."
BJH rufen uns als mit dem Titel - Who do we think we are? - Was glauben wir eigentlich, wer wir sind? - ganz tief ins Bewusstsein.
Copii Romania und Cold War (einer der besten Titel, den BJH jemals komponiert haben) - behandeln dann jeweils die Folgen von Krieg und Elend auf dieser Welt, wobei einem der siebeneinhalb minutenlange Song - Cold War - aber spätestens das John-Lees-Hammergitarrensolo, die Gänsehaut nur so auf dem Rücken stellt. Mit diesem Titel sehen BJH der traurigen Realität direkt ins Auge, denn Les Holroyd beendet die Frage nach dem Sinn eines Krieges mit den Worten - Nothings gonna change - Es wird sich niemals etwas ändern. Die Ängst von gestern sind also in der Tat die Tränen von heute. BJH liefern auf dem kompletten Album wieder ein sehr hohes Niveau, wobei man dieses erst dann richtig erkennen kann, wenn man bereit ist, sich von dem Raumschiff durch die Zeitgalaxie mitnehmen zu lassen.
Ach ja apropos "omatauglich"; 1992 war ich zusammen mit meiner damals 71- jährigen Oma auf der 25-Jahre-Jubiläumstour von BJH in Mannheim im Rosengarten. Meine Oma, die bis dato immer nur von meiner Mutter zu "Lalala-und-Tralala-Schlagerkünstlern" mitgeschleppt wurde, meinte im Anschluss an das Konzert, dass sie noch niemals zuvor jemanden live so gut Gitarre spielen hätte sehen wie John Lees - logisch, denn bei Künstlern wie Roger Wittacker, Nana Mouskouri, Mireille Mathieu oder Costa Cordalis bekommt man diese individuelle Klasse und dieses hohe Niveau natürlich nicht geboten. Weiter meinte meine Oma, dass sie das erste Mal in ihrem Leben bei einem Konzert Gänsehaut bekam, und sie bei Titeln wie - Suicide?, Poor Man's Moody Blues und Play To The World - die Augen vor Wohlklang hätte schießen und versinken können. Ein nochmaliger Besuch dieser tollen Gruppe war leider nicht mehr möglich, da die Tour zum Album leider damals abgesagt wurde.
So wird es wahrscheinlich ein großer Traum bleiben die Titel - Back To Earth, Forever Yesterday und vor allem Cold War - irgendwann einmal live zu hören, zumal ja auch im letzten Jahrzehnt mit Mel Prichtard und Woolly Wolstenholme zwei der vier Gründungsmitglieder schon von uns gegangen sind, und an eine Wiedervereinigung der beiden zerstrittenen Köpfe Holroyd und Lees derzeit nicht zu denken ist.