Schon wieder Tudors? Ja. Darüber kann ich nie genug lesen, und Henrys sechs Frauen sind alle so interessant, dass sie Einzelbiographien verdienen - was allerdings nicht immer möglich ist, denn über mindestens zwei (Jane Seymour und Catherine Howard) weiß man nur sehr wenig.
Aber über Catherine of Aragon gibt es genug Material; auch die Beurteilung ihres Charakters schwankt kaum.
Und Henrys erste Frau ist wichtig für die englische Geschichte. Immerhin hat sie England zeitweise regiert, als ihr Mann abwesend war - und der Sieg der Engländer gegen die Schotten bei Flodden geht nicht zuletzt auf Catherines Konto. Sie war auch nicht zimperlich und schickte Henry den blutigen Mantel des Schottenkönigs, der in der Schlacht gefallen war - und schrieb dazu, sie habe ihn selbst schicken wollen, aber ihre Berater seien dagegen gewesen! Außerdem hat sie neue Standards in der Frauenbildung gesetzt, von denen auch die Tochter ihrer Erzfeindin Anne Boleyn profitieren sollte. Ihr eine eigene Biographie zu widmen, ist also mehr als gerechtfertigt.
== Der Autor ==
Giles Tremlett ist der Madrid-Korrespondent der Zeitung Guardian.
Tremlett erklärt, er habe begonnen zu recherchieren, weil ihn Catherine of Aragons Charakter so fasziniert habe, vor allem ihr berühmter Eigensinn.
Der Autor ist berufsbedingt ein guter Spanienkenner und hat sich gründlich mit der Geschichte des Landes beschäftigt. Ich weiß nur wenig über das damalige und auch das heutige Spanien, interessiere mich aber seit einiger Zeit dafür. Deshalb fand ich das Kapitel über Catherines Jugend besonders interessant.
== Catalina / Catherine ==
"Catalina de Aragon" hieß Henry VIII.s erste Frau, bevor sie nach England kam und - zunächst - Henrys Bruder Arthur heiratete.
Ihr Leben ist vom Anfang an dokumentiert, denn sie war ja auch keine kleine englische Adlige, sondern die Tochter von Ferdinand und Isabella, den berühmten Katholischen Könige". Großes Aufsehen erregte ihre Geburt im Dezember 1485 allerdings nicht - sechstes Kind und fünfte Tochter, das war keine große Sache.
Der wichtigste Einfluß in Catherines Leben war natürlich ihre Mutter Isabella - eine sehr interessante Frau. Tremlett schildert ihren Weg zur Macht, und ich hätte gern mehr über sie erfahren - aber eine Biographie über Isabella und / oder Ferdinand habe ich bisher nicht gefunden. Isabella war energisch, zupackend, politisch weit vorausdenkend und natürlich tief religiös - je strenger ein Beichtvater, desto mehr schätzte sie ihn. Die Ketzerverfolgung und die Vertreibung der Juden und Mauren (letztere wurden oft versklavt) sind natürlich dunkle Flecken in ihrem Lebenslauf, aber religiöse Toleranz war eben noch nicht üblich. Trotzdem war auch das Leben von Isabellas Familie von Sitten der Mauren beeinflußt - z. B. bezüglich der ungewöhnlich hohen Hygiene-Standards. Seife aus Spanien war in ganz Europa gefragt!
Catherine wurde sehr gründlich erzogen - ihre Mutter legte großen Wert auf Bildung, da sie selbst nur wenig davon bekommen hatte (Isabella selbst fing mit über 30 noch an, Latein zu lernen!). Erstaunlicherweise fehlte jedoch Englisch in Catherines Stundenplan - obwohl sie schon als kleines Kind mit Arthur verlobt wurde. Auch nach vielen Jahren in England hat sie die Sprache nicht perfekt beherrscht und zeitlebens einen starken Akzent beibehalten. Ihre künftige Schwiegermutter empfahl ein paar Jahre vor der Heirat, Catherine solle - Französisch lernen und sich außerdem daran gewöhnen, Wein zu trinken, da das englische Wasser nicht genießbar sei (Teetrinken wurde erst im 17. Jahrhundert populär).
Tremlett: Three years later Elizabeth let it be known how glad she was that Catherine had learnt some French. There was no mention of how the wine-drinking was going." LOL! So etwas liebe ich.
Catherines erste Ehe war nur kurz - Arthur, benannt nach dem legendären König Artus, starb als Teenager. Die folgenden sieben Jahre waren harte Zeiten für Catherine - man hielt sie in England fest, bis Henry (6 Jahre jünger als sie) alt genug für sie war, und ihr Schwiegervater behandelte sie je nach Laune oder politischer Wetterlage. Man darf wohl ohne Übertreibung sagen, daß sie als Geisel festgehalten wurde.
== Hat sie oder hat sie nicht? ==
An dieser Frage kommt auch Tremlett nicht vorbei: Hat Catherine mit ihrem ersten Mann Arthur geschlafen oder nicht? Catherines Beteuerungen, sie habe es nicht getan, haben nicht viel zu sagen - sie war sehr wohl zu Lügen und Täuschungsmanövern fähig. Henrys Beteuerungen, die Ehe sei vollzogen worden, haben noch weniger zu sagen. Er log selbst bedenkenlos (oder richtiger, er glaubte immer das, was für ihn günstig war), außerdem konnte er es gar nicht genau wissen. Bei seiner 4. Frau war er sicher, sie sei keine Jungfrau mehr, bei der 5. hatte er keine Zweifel - und lag beide Male falsch.
Für den heutigen Leser ist es kaum noch verständlich, warum es so wichtig war, ob Catherines erste Ehe vollzogen war oder nicht, aber die Zeitgenossen sahen das ganz anders. Eine vollzogene Ehe hätte bedeutet, dass Henry und Catherine verwandt waren und nicht heiraten durften - aber hier gehe ich lieber nicht in die Feinheiten, denn das Eherecht war sehr kompliziert. Dies war erlaubt, jenes verboten, aber doch wieder möglich durch päpstliche Dispens usw. Nur Experten können da wirklich durchblicken, und ich bin blutiger Laie. Auch die Auch die Scheidung von Henry und Catherine war keine Scheidung im heutigen Sinn, Henry wollte eine Annullierung - was bedeutet hätte, dass er und Catherine nie verheiratet waren und somit ihre Tochter auch unehelich war.
== Catherine und Henry ==
Am meisten berührt hat mich das Kapitel Motherhood" - es schildert Henrys und Catherines kurze Zeit mit ihrem kleinen Sohn Henry. In den meisten Werken wird der Junge nur kurz erwähnt mit dem Hinweis, daß vier Kinder tot zur Welt kamen und eins kurz nach der Geburt starb - fertig. Tremlett ist der erste mir bekannte Autor, der den kleinen Henry nicht einfach übergeht, sondern ihm ein ganzes Kapitel widmet, und das hat etwas Tröstliches. Immerhin gab es dieses Kind, auch wenn es nur 9 kurze Wochen gelebt hat, und Englands Geschichte wäre völlig anders verlaufen, wenn es überlebt hätte.
Ein weiteres Kapitel widmet der Autor Henry VIII.s unehelichem Sohn Henry Fitzroy (fitz >franz. fils ,Sohn', roy > franz. roi ,König', traditioneller Beiname unehelicher Königssöhne). Dessen Existenz machte Catherine natürlich Kummer - ausgerechnet ein Bastard" war am Leben geblieben. Auch dieser Henry ist früh gestorben, er wurde nur 17.
Die Ehe der beiden war zunächst nicht schlecht - sie scheiterte daran, daß kein Sohn am Leben blieb.
== Mary ==
Daß das einzige überlebende Kind, Mary, Catherines Ein und Alles war, kann man sich leicht vorstellen. Auch Henry hat seine Tochter geliebt, aber er war trotz allem mehr Politiker als Vater.
Tremlett verweilt ausführlich bei Marys Verlobung mit Kaiser Karl V., der in diesem Buch natürlich Charles" heißt. Er war Catherines Neffe und somit Marys Cousin und sollte seine Cousine heiraten. Diese Heirat - glänzende Aussicht für Mary - war Catherines Herzensangelegenheit, was Tremlett sehr gut vermittelt. Catherines Briefe, die er zitiert, sprechen Bände. Leider hat Catherine vergessen, daß eine Verlobung sehr leicht gelöst werden konnte, wenn die Politik es erforderte.
Große Altersunterschiede, in diesem Fall 16 Jahre, spielten meistens keine Rolle bei Heiratsplänen, aber in diesem Fall doch - Charles hätte zu lange warten müssen, bis seine Braut alt genug war. Er brach den Vertrag und heiratete eine andere Cousine. Man leidet mit Catherine mit, die ihren großen Plan gescheitert sah.
== Das Ende ==
Nach sieben Jahren Scheidungskrieg urteilte der Papst zu Catherines Gunsten - viel zu spät. Sie war längst in der Verbannung, und die Urteile des Papstes interessierten Henry nicht mehr.
Tremlett geht auch auf die Frage ein, ob Catherines Leben in Gefahr war - d.h. ob Henry sie über kurz oder lang hätte hinrichten oder heimlich umbringen lassen - , kommt aber nicht zu einer endgültigen Antwort - kein Wunder, wie will man auch beurteilen, was passiert wäre, wenn... Er ist aber sicher, daß Catherine lieber gestorben wäre als nachzugeben, womit er wahrscheinlich recht hatte. Zugeben, dass sie - nach eigenen Worten - die Hure" des Königs gewesen sein sollte, war für Catherine undenkbar. Sie ist dennoch eines natürlichen Todes gestorben, wahrscheinlich an Krebs, mit nur fünfzig Jahren. Damit ist sie aber immer noch wesentlich älter geworden als ihre fünf Nachfolgerinnen - und ihre Nachfolgerin Anne hat sie nur um ein paar Monate überlebt.
== Fazit ==
Ein glühender Catherine of Aragon-Fan werde ich wohl nie - Sturheit und religiöser Eifer sind mir unsympathisch, und Catherine hatte von beidem reichlich. Aber verstehen kann ich sie trotzdem. Die Rechtmäßigkeit ihrer Ehe und die Rechte ihrer Tochter waren das Wichtigste in ihrem Leben - ohne diese beiden Dinge blieb ihr praktisch nichts. Kein Wunder, daß sie für ihre Ehe und für Marys Legitimität gekämpft hat bis zum Letzten!
Lesen Sie weiter... ›