Die ABC-Krimiserie "Castle" hievt das altbewährte "Schreiberling auf Mörderjagd" Schema ins 21. Jahrhundert. Richard Castle - charmanter Starautor diverser Groschenromane - findet in der toughen Detective Kate Beckett seine neue Muse und Inspiration. Über Promi-Verbindungen wurde er einst Teil des Mord-Ermittlungsteams. Doch für ihn ging es stets weniger um blosse Recherche, denn darum, in ihrer Nähe zu sein. Und natürlich hat sich aus der Zusammenarbeit inzwischen längst mehr als nur Freundschaft entwickelt...
Vorweggenommen, mir gefällt "Castle". Es bietet zuverlässige Unterhaltung und das Konzept wird konsequent durchgezogen. Wer eine Folge mag, mag wahrscheinlich auch den Rest (ähnliches im Negativfall). Man muß auch nicht von Stunde null an dabei sein, um sich halbwegs zurechtzufinden. Die Mordermittlungen führen Castle, Beckett und Co. in verschiedenste Milieus. Dabei ist die Handlung voller Wendungen, welche dem Protagonisten Spielraum für wilde Spekulation lassen. Ähnlich zu "The Mentalist", wird eine Mischung von Humor und Drama praktiziert - wenngleich "Castle" vergleichsweise stärker auf Humor setzt. Die Mordopfer können jedoch durchaus etwas heftiger inszeniert sein. Jedenfalls scheinen die DrehbuchautorInnen mit viel Freude bei der Sache zu sein. An Wortwitz und Seitenhieben mangelt es nicht. Die von Richard Castle im Laufe der Serie verfassten Romane wurden sogar real veröffentlicht - unter seinem Namen. Recht unterhaltsame Lektüre, nicht nur für Fans. "Castle" bietet eine Mischung aus Standalone und aneinander gekoppelte Episoden. Allerdings - wie schon die Jahren zuvor - finde ich auch diesmal den übergreifenden Handlungsbogen nicht ganz überzeugend. Inmitten vieler Standalone-Episoden geht aus meiner Sicht leicht unter, dass sich auf einer höheren Ebene eine größere Geschichte abspielt. Das Finale hat's finde ich trotzdem in sich.
Cast und Charaktere: Die Besetzung ist stark und harmoniert gut. Im Gegensatz zu Krimiklassikern (z.B. Agatha Christie, Mord ist ihr Hobby...) ist Richard Castle (markant: Nathan "Firefly" Fillion) was Mordaufklärung angeht kein Einzelgänger. Durch seine nicht selten kindlich-naiven Ideen "inspiriert" er die Ermittlungen oft in die richtige Richtung. Mal liegt er richtig, mal voll daneben. Sein Witz und Beckett's trockener Humor ergeben aber eine treffsichere Mischung (und stellen die deutsche Übersetzung auf die Probe). Beckett wird von Stana Katic gespielt, die zusehens in ihre Rolle wächst. Weiterer Eckpfeiler ist die liebevoll gezeichnete Vater/Tochter Beziehung (Molly C. Quinn - ein Versprechen für die Zukunft), ansatzweise vergleichbar mit dem Mutter-Tochter Gespann bei "Gilmore Girls", mit veränderten Vorzeichen. Doch ach seine Mutter (Susan Sullivan) ist eine essentielle Stütze. Kurz gesagt, jeder ist auf jeden angewiesen. Im Zentrum steht aber die Beziehung zwischen Beckett und Castle. Wie so oft, stellt sich auch hier die klassische (wenig originelle) Frage, wann beide zueinander finden. Passiert es mitten im Verlauf der Serie, kann es die Dynamik zerstören. Wird die Liebesgeschichte über viele Staffeln verschleppt, kann es lästig werden (z.B. "Lois & Clark: The New Adventures of Superman"). In diesem Dilemma bewegt sich auch die ABC Krimiserie. Der Flirt zwischen Castle und Beckett mag einigen Reiz haben, als fundamentaler Tragebalken ist es dünn gestrickt. Staffel drei versucht vorsichtig, die Weichen in Richtung Beckett's Vergangenheit (ihre dunkle Seite) zu legen, ohne von der Liebesdynamik abzuweichen. Staffel vier wird den Weg fortsetzen.
Perspektiven für die Zukunft: "Castle" ist in den USA konstant erfolgreich und auf dem wöchentlichen Sendeplatz quotenmässig meist erst- oder zweitbeste Sendung (das sagt nichts über die Qualität der Serie aus, wohl aber ist es bei grossen Networks das zentrale Hauptkriterium, wenn es um die Zukunft einer Show geht). Wenngleich ABC selten zurückschreckt, einer TV-Produktion vorzeitig das Licht auszublasen, so hat es "Castle" unter normalen Umständen zu weit geschafft, um so ein Schicksal zu erleiden. Es ist ein klassischer Fall für Syndication (d.h. es sind wahrscheinlich längst höhere ökonomische Motive am Werk, auch zumal ABC co-produziert). Vor Staffel fünf ist sicherlich nicht Schluß.
Bonus in der DVD-Box: Mit im Paket dürfte diesmal ein Musikvideo sein ("Get On The Floor"), daneben wird es wohl Audiokommentare geben, sowie wie üblich deleted Scenes, Outtakes und weitere Clips (Autoren über Autoren, Castle geht nach Hollywood).
Fazit: "Castle" ist eine konsequent umgesetzte, lockere Krimiserie, mit Potential für zumindest fünf Staffeln. Einzelne Episoden sind dabei meist gut bis sehr gut. Es gibt kaum Aussetzer. Auch die Besetzung finde ich stark. Einzig die Liebesgeschichte scheint mir manchmal ein bisschen erzwungen und die episodenübergreifende Handlung haut mich nicht von den Socken. Trotzdem eine sehr empfehlenswert Serie!