Nein, er werde kein weiteres Buch über Caspar David Friedrich verfassen, ließ Helmut Börsch-Supan kürzlich unmißverständlich verlauten. Sein im Deutschen Kunstverlag erschienenes und demnach letztes Buch über Friedrich trägt den Untertitel "Gefühl als Gesetz", eine Wendung, die aus einer Äußerung Friedrichs über seine Malerei stammt: "Denn der Künstler war bei der Ausführung des Bildes in reiner Harmonie aufgelöst, und sein Gefühl wurde sein Gesetz, und seine Stimmung, seine geistige Erhebung konnte nur solche Früchte tragen als dieses Bild."
Den Eingang des mit 108 Abbildungen und 8 Farbtafeln reich bebilderten Bandes bildet eine großartige Interpretation des späten Dresdner Gemäldes "Das Große Gehege" (auch: "Abend an der Elbe"), dieses, wie Börsch-Supan formuliert "Erregende, ja Verstörende ... sich anbahnende ... sanfte Scheitern, ... eingekleidet in berückende Schönheit im Himmel". Von diesem summarischen, um 1830 entstandenen Bild ausgehend, greift Börsch-Supan die Dresdner Malerei auf, behandelt mit einer einfühlsamen, unaufdringlichen Psychologie die Beziehungen zu zeitgenössischen Künstlern, um dann auf verschiedene Motive und auch durchgängig verfolgbare Grundsätze der Bildgestaltung Friedrichs einzugehen.
Besonders eindringlich ist die Aufschlüsselung der bisher von der Forschung zum größeren Teil für kryptisch und anonym erachteten 162 aphoristischen "Äußerungen bei Betrachtung einer Sammlung von Gemälden von größtenteils noch lebenden und unlängst verstorbenen Künstlern" von Friedrich, deren nachvollziehbare Zuordnung zu bestimmten Künstlern Börsch-Supan in einer ausgesprochen kenntnisreichen Analyse weitgehend und in zahlreichen Fragmenten erstmalig gelingt. Aus dieser Neuinterpretation des seit 1937 im Dresdner Kupferstich-Kabinett verwahrten, erst 1999 von Gerhard Eimer originalgetreu und vollständig publizierten Friedrich-Manuskriptes zeigt Börsch-Supan "Sympathien und Entfremdungen" zur Malerei und zum Charakter der Künstler in Friedrichs Umfeld auf, die ein helles Licht auf die menschliche Eigentümlichkeit Friedrichs zu werfen vermögen. Und in einer nicht minder erhellenden Neudeutung stellt Börsch-Supan eine Reihe von frühen Zeichnungen Friedrichs in den unmittelbaren Zusammenhang der Vorwegnahme und Bewältigung des 1801 mißlungenen Selbstmordversuch des Künstlers. In der Überschau des Gesamtwerkes gelingt Börsch-Supan vielfach ein überraschender und bezaubernder Blick auf die im Bilde verwirklichten Erinnerungsorte und Lebenssituationen, die Friedrich wieder und wieder imaginiert, und deren Empfindung ihm Gesetz wird ... auf die Himmel über den inneren Landschaften also.
Helmut Börsch-Supan hat im vergangenen Frühjahr sein 75. Lebensjahr vollendet. "Gefühl als Gesetz" führt nun die Ergebnisse einer etwa 50 Jahre währenden, andauernden Auseinandersetzung mit den Bildempfindungen Friedrichs zusammen. "Erfahrung, Betrachtung, Folgerung, durch Lebensereignisse verbunden", dieser Untertitel aus Goethes Naturwissenschaftlichen Heften bezeichnet die Methodik der Untersuchung der Biografie und des Werkes von Caspar David Friedrich, die Börsch-Supan hier in zweifacher Hinsicht vornimmt: im Leben und Werk des Landschaftsmalers, wie auch in der eigenen Biografie und den Erfahrungen aus einem halben Jahrhundert der Forschung und deren Rückwirkungen auf die hieraus gewonnenen Folgerungen. So kommt Börsch-Supan zur Korrektur eigener früherer Überzeugungen und scheinbarer Gewißheiten über Friedrich, zur Veränderung auch der eigenen, zum Teil überholten Fragestellungen.
Nirgends ist eine größere Kongruenz von Leben, Eigentümlichkeit und Werk gelungen, als in diesem Buch über Caspar David Friedrich. Dieses ist, bis hinein in den abgeklärten, stellenweise verknappenden Sprachduktus des Buches, das Resultat andauernden Bemühens, innerer Aufgeschlossenheit und fortschreitenden Alters und damit auch der eigenen Näherung an die letzten Dinge.