Die Großmeister-Serie des Quality Chess Verlags ist bekannt dafür, dass hier Großmeister-Autoren eine saubere Arbeit abliefern, indem sie den gegenwärtigen Stand der theoretischen Entwicklung abbilden. Teils werden Abspiele mit eigenen Neuerungen bereichert, so dass der Leser das Gefühl hat, einen Zug voraus zu sein. Das alles betraf vor allem die beiden Mammut-Werke von Boris Avruch (1.d4).
Wie ist verglichen dazu 'The Caro-Kann' von Lars Schandorff einzuordnen und zu bewerten?
Nun, Schandorff geht keine Kompromisse ein. Was er an Antworten auf die verschiedenen Abspiele anbietet sind bisweilen ausgereifte Pfade. Die tritt er entsprechend tief und breit aus und der Leser erhält dadurch ein modernes, verlässliches Repertoire. Immer wieder, insbesondere wenn Neuerungen angeboten werden, wird deutlich, dass Schandorff nebenher leistungsstarke Schachprogramme laufen ließ. (Schade: oft bleibt es bei den Neuerungen bei der Nennung eines Zuges.)
Dennoch hat der Meister an verschiedenen Stellen nicht gewissenhaft gearbeitet. Ich glaube nicht, dass ich als Schachamateur ein besseres Stellungsverständnis habe als ein GM, deshalb muss ich davon ausgehen, dass Schandorff wissentlich diese methodischen und analytischen Unsauberkeiten eingebaut hat.
Dazu zwei Beispiele:
Beispiel 1:
Auf Seite 121ff. zitiert der Autor die alte Partie Gelfand - Karpov, Sanghi Nagar 1995 aus dem Vor-Computer-Zeitalter.
1.e4 c6 2.d4 d5 3.e5 Lf5 4.Sf3 e6 5.Le2 c5 6.Le3 cxd4 7.Sxd4 Se7 8.0'0 Sbc6 9.Lb5 a6 10.Lxc6+ bxc6 11.c4 Dd7 12.Sc3 dxc4 13.Sa4 Sd5 14.Sxf5 exf5
Hierzu schreibt er 'Thank God, it's not as bad as it looks'.
Das stimmt wohl, wenn man der Partie bis zum Schluss folgen würde. Ein kritischer Weißspieler würde aber der Fernpartie Skorna - Motyka in der Fussnote zum 15. Zug folgen, wo der Schwarzspieler eine Stellung mit Strukturschwäche und passiven Türmen verteidigen muss. Diese geht zwar remis aus, aber ohne Computer-Einsatz in einer praktischen Partie ist diese Stellung perspektivlos und schwer zu spielen.
Beispiel 2:
Auf Seite 18 geht es um Abweichungen von der klassischen Hauptvariante.
1.e4 c6 2.d4 d5 3.Sc3 dxe4 4.Sxe4 Lf5 5.Sg3 Lg6 6.S1e2 e6 7.Sf4 Ld6 8.c3 Sf6, 9. h4
Der Zug 8.c3 wird brandaktuell in der Großmeisterpraxis diskutiert. Schandorffs Antwort
9... Lxf4 10.Lxf4 h6 gilt als vorteilhaft für Weiß nach 11. Db3. So weit kommt der Autor aber nicht, weil er diese hochmoderne Variante bereits nach 10 Zügen abbricht. Das ist indiskutabel, vor allem, wenn man bedenkt, dass Emms, Houska, Palliser diese Variante in ihrem Buch 'Dangerous weapons - The Caro-Kann', nahezu zeitgleich erschienen, ausgiebig als weiße Waffe ausgewiesen haben.
Was bleibt zu diesem Buch zu sagen, das zwar vom Ansatz her vielversprechend ist, aber einige handwerkliche Fehler beinhaltet?
Verglichem mit dem, was der Markt an Büchern hergibt, wird Schandorff sicherlich zu einem Referenzbuch für Caro-Kann-Spieler. Dennoch glaube ich, hätte der Autor sauberer arbeiten müssen. Daher einen Punkt Abzug!