Als einer der wenigen Komponisten der Musikgeschichte fand Gustav Mahler seinen intimsten und ehrlichsten Ausdruck in der Orchestermusik. Seine insgesamt zehn Sinfonien zählen zu den großen Manifesten der Menschheit. Dabei war er seinerzeit höchst umstritten, machte sich insbesondere als Intendant und Dirigent einen Namen, wohingegen der Großteil seiner Sinfonien unverstanden geblieben ist, obschon er wusste, dass seine Zeit kommen würde.
Nachdem Mahlers Oeuvre nach seinem Tode schnell in Vergessenheit geriet, gab es immer wieder Dirigenten, die sich um seine überwältigenden Sinfonien verdient machten. Der legendäre amerikanische Dirigent Leonard Bernstein leitete mit der vorliegenden, allerersten Gesamteinspielung aller Mahler Sinfonien die Mahler Renaissance endgültig ein. Zur Seite standen ihm die New York Philharmonics, das London Symphony Orchestra (achte Sinfonie) und das Israel Philharmonic Orchestra ("Lied von der Erde"). Entstanden ist die Einspielung zwischen 1960 und 1975, erfreut sich aber dank einer umfangreichen Restauration einer erstaunlich guten, satten Aufnahmequalität. Abgerundet wird das Programm durch eine ansprechende Produktgestaltung, eine Tondokumentation über Gustav Mahler und einige kurzweilige Aufsätze und Essays sowie technische Daten zur Einspielung.
Die ersten vier Sinfonien befassen sich weitest gehend mit der Glaubensfindung Mahlers. Von Geburt Jude konvertierte er beizeiten zum Christentum, schon allein deswegen, weil ihm das Judentum einen Ausblick auf ein Leben nach dem Tode verwehrte. Während er in seiner ersten, beachtlichen Sinfonie einen Titanen nach Art Jean Pauls imaginiert, wird dieser in seiner epochalen "Auferstehungssinfonie" zu Grabe getragen. Die dritte Sinfonie hingegen beschreibt eine Stufenabfolge allen Seins, gipfelnd in der zutiefst berührenden Vorstellung dessen, was die Liebe erzählt. Oberflächlich unkompliziert ist da schon eher die vierte Sinfonie. Doch in Wirklichkeit handelt es sich hier um die wohl doppelbödigste aller Mahler Sinfonien, denn die Idylle wird von der beständig gellenden Fratze des Teufels gestört und auch die Engel scheinen dem Gläubigen eine Absage zu erteilen.
Mit Ausnahme der Ersten so leben diese Werke vom Wechselspiel zwischen Orchester und Gesangssolisten beziehungsweise Chor. Hier zeigt sich, zu welch famosem Klangkörper Bernstein seine New Yorker formte. Differenzierte Nuancen, farbige Schattierungen und treffsichere Akzente sind die Markenzeichen der Orchesterleistung. Dabei bleibt die Darbietung allerdings stets transparent und nachvollziehbar. Und Bernstein kann zudem auf hervorragende Solisten und Chöre zurückgreifen, auch wenn sich die Namen nicht so schillernd ausnehmen wie bei seinen späteren Einspielungen: Für die zweite Sinfonie sind es Lee Venora (Sopran), Jennie Tourel (Mezzosopran) und The Collegiate Chorale, für die dritte Martha Lipton (Mezzosopran), der Women's Chorus of the Schola Cantorum und der Boys' Choir of the Church of the Transfiguration und für die vierte Reri Grist (Sopran). Glasklare Intonation, deutlicher Gesang und viel Empathie zeichnen die Akteure allesamt aus.
Die mittleren drei Sinfonien haben die Selbstfindung als Mensch und als Künstler in der modernen Welt zum Hauptthema. Da mag es nicht verwundern, dass diese Werke sehr kontrastreich sind, indes Mahler ja selbst immer wieder innere Kämpfe mit sich und der Welt auszufechten hatte. Geradezu zerfetzt wirkt da seine beliebte fünfte Sinfonie mit ihrem eröffnenden Trauermarsch. Bis heute wird die "tragische" Sechste als Mahlers intimste Sinfonie gewertet, unter deren brutalem, wuchtigem Mantel unendlich viel Schmerz liegt und die am Ende die Totenglocke läuten lässt. Die siebte Sinfonie dagegen beschreibt eindrucksvoll - nicht ohne größeren Zusammenhang, "suitenhaft", wie es ihr bis heute vorgeworfen wird - den Weg vom Dunkel der Nacht hin zu einem strahlenden, bombastischen Sonnenaufgang.
Leonard Bernstein fühlte sich zeitlebens mit Mahler tief verbunden. So wie er hatte auch Bernstein nur recht wenig Zeit, eigene Kompositionen vorzunehmen, war ständig durch seine umfassenden Tätigkeiten als Dirigent, Pianist und Pädagoge eingespannt. Auch er kannte die Kämpfe, die einem Menschen die Brust verengen können. Wie kein anderer durchdringt er folglich diese wundervollen Sinfonien, verinnerlicht sie und projiziert seine Liebe zum Oeuvre Mahlers auf seine New Yorker. Eindrucksvoll beweist er, dass Mahler seine riesenhaften Orchesterbesetzungen vor allem dazu gebrauchte, um differenzierte, pittoreske Klangeffekte zu erhaschen, wie beispielsweise im Scherzo der fünften Sinfonie oder in den Binnensätzen der siebten. Seine Interpretation der "Lieder der Nacht" mit den New York Philharmonics genießt bis heute Referenzcharakter. Kontrastreiche Tempi und scharfe Akzente machen die Vorträge zu einem unvergleichlichen, unvergesslichen Erlebnis.
Von jeher nimmt die achte Sinfonie eine Sonderstellung ein, und nicht nur deswegen, weil sie als einzige in recht kurzer Zeit zu Papier gebracht wurde und Mahler sie für sein größtes Werk hielt. Fakt ist jedoch, dass der Komponist sich hier bisweilen zu verlieren scheint. Was ihre außermusikalische Aussage anbelangt, so stellt die Achte eine Verschmelzung von Katholizismus und Humanismus dar.
Bernstein als Herrscher des Bombasts - an der Seite des London Symphony Orchestras, des Leeds Festival Chorus, der Finchley Childrens' Music Group, dem Highgate School Boys' Choir, den Orpington Junior Singers, Erna Spoorenberg (Sopran), Gwyneth Jones (Sopran), Gwyneth Annear (Sopran), Anna Reynolds (Mezzosopran), Norma Procter (Mezzosopran), John Mitchinson (Tenor), Vladimir Ruzdjak (Bariton) und Donald McIntyre (Bass) zelebriert er ein Fest der Musik, der Liebe und der Schönheit.
Die letzten Sinfonien beschäftigen sich mit dem Abschied Nehmen Mahlers von der Welt. "Das Lied von der Erde" in der Übersetzung aus dem Chinesischen von Hans Bethge besteht aus sechs ungleichen Liedern, die von Alkohol und Abschied handeln. Auch die neunte Sinfonie trachtet, Abschied zu nehmen, Abschied von der Liebe, der Freude, vom Leben. Mahler wusste zur Zeit der Komposition bereits, dass er an einem unheilbaren Herzleiden erkrankt war. Da nimmt es nicht Wunder, dass das Werk mit der Nachempfindung der Schläge seines kranken Herzens beginnen. Die zehnte Sinfonie konnte Mahler nicht mehr beenden, nur der erste Satz, ein ausgedehntes Adagio, ist vollständig erhalten.
Mit dem Israel Philharmonic Orchestra, mit dem Bernstein hier das "Lied von der Erde" darbietet, war der amerikanische Musiker stets eng verbunden. Die Leidenschaft, mit der die Akteure - mit Christa Ludwig (Mezzosopran) und René Kollo (Bariton) - jede Note durchglühen, kommt unverfälscht im Wohnzimmer an. Aber auch den anderen beiden Sinfonien merkt man an, wie sehr Bernstein sie liebte. Mit letzter Kraft entfacht er das letzte Aufbäumen im elysischen Adagio der Neunten, und den gewaltvollen Ausbruch im Adagio der Zehnten hat man wohl selten derart verstörend, geradezu beängstigend erlebt.
Fazit: Bis heute gültiges Tondokument, das zum Einstieg sehr gut geeignet ist, da es nicht vermessen ist, Bernsteins ersten Mahler Zyklus als referenzgültige Messlatte zeitlosen Charakters zu betrachten...