Über Gerry Mulligan, wie über Chet Baker muß nicht viel gesagt werden, jeder der beiden Musiker überzeugte durch seine Musik, beide schrieben dabei allerdings auch ein kurzes, dabei signifikantes Stück Jazz-Geschichte zusammen ... die Rede ist von den frühesten 50ern, als Chet Baker die Trompete im 'pianolosen' Gerry Mulligan Quartet blies, als dieses noch im 'Haig' am Wilshire Boulevard in Los Angeles auftrat. Meines Wissens dauerte diese Zusammenarbeit kein volles Jahr an und Baker bastelte an einer Solokarriere. Die beiden fanden über die Jahre gelegentlich noch zu gemeinsamen Auftritten zusammen, haben aber nie wieder eine gemeinsame Scheibe aufgenommen.
Das alles änderte sich im November 1974, also gut zwei Jahrzehnte später und es hätte für dieses Event wohl keinen historischeren Ort als die New Yorker Carnegie Hall geben können - seit 1938 waren hier bereits zahlreiche Jazzgrößen aufgetreten, darunter Benny Goodman, Count Basie, Glenn Miller, Billie Holiday oder auch Stan Getz.
Am 24. November 1974 gaben die beiden hier ein Konzert, daß glücklicherweise mitgeschnitten wurde und somit heute noch hörbar ist. Begleitet wurden sie dabei von Ron Carter am Baß und Harvey Mason am Schlagzeug, sowie von John Scofield (g), Bob James (p, electr. p), Dave Samuels (vib, perc) und Ed Byrne (tb). Heraus kam eine bunte Mischung aus Vergangenheit und (damaliger) Gegenwart. Unter den 8 Stücken auf der CD (von denen nur eines eben unter 7 Minuten liegt, alle anderen darüber) finden sich einige des alten 'Quartet' Repertoires, "Bernie's Tune, "K-4 Pacific" und natürlich "My Funny Valentine", Chet Baker's großes Erfolgsstück. Dazu gesellt sich ein weiteres Stück, daß Baker in seiner Solo Zeit, nach dem Austritt aus dem Quartet, eingespielt hatte: "There Will Never Be Another You". Die restlichen 4 Stücke sind Mulligan Kompositionen, zu denen Chet Baker die Trompete, auch nach 20 Jahren noch, hervorragend zu integrieren wußte. "Song For Strayhorn" soll an diesem Abend seine (Live) Premiere gehabt haben, mein persönlicher Mulligan-Favourite bleibt allerdings "For An Unfinished Woman". Die beiden Männer hatten zu diesem Zeitpunkt bereits einiges an Drogenerfahrungen hinter sich (Baker blieb Junkie bis zu seinem Tod), dem Spiel der beiden merkt man's nicht an, schon gar nicht im negativen Sinne. Beide spielten dynamisch und fantasievoll, was diese 'Reunion' zu einem echten Highlight macht. Re-mixed wurden die Aufnahmen übrigens von Rudy Van Gelder.
Wer die Karrieren von Gerry Mulligan und Chet Baker auch nach der Zeit des berühmten Quartets noch mit Wohlwollen und Interesse verfolgt hat, kann von diesen Aufnahmen gar nicht enttäuscht werden. Wer, bei bereits ein wenig erworbener Vorkenntnis, etwas tiefer ins Thema 'Jazz' einsteigen will, das quantitativ in der heimischen Diskographie noch in keiner epischen Breite etabliert ist, bitte schön ... hier ist eine echte Gelegenheit! Fantastische Live Momente von zwei Jazzern, die heute beide nicht mehr unter uns weilen, uns dabei aber großes hinterlassen haben ... in diesem Fall gemeinsam. Viel Freude am Hören!
-- theSilentNoirFreak