Klar, das Köln-Konzert gehört wohl bei vielen Jazzfreunden zu denjenigen CDs, die mit auf eine einsame Insel mitzunehmen sind.
Doch das Köln-Konzert war in den Siebzigern! Also vor rund 30 Jahren - und in dieser Zeit ändern sich nicht nur die Weltlage und das Klima, sondern eben auch ein Künstler.
Daher kann ein Köln-Konzert nicht wiederholt werden und es ist klar, dass nach 30 Jahren anders musiziert wird.
Bei dem vorliegenden Doppel-Album bedeutet dies:
1. Es gibt einige Stücke, die beim unbedarften Mal-So-Reinhören den Eindruck erwecken, es handele sich um chaotische Stücke ohne Hand und Fuss. Andere mögen dafür den Begriff Kakophonie verwenden (vgl. andere Rezensionen). Ein genaueres und konzentrieres Hören zeigt, dass sich bei diesen Stücken sehr wohl um durchdachte Jarrett-Stücke handelt, aber eben auch um Improvisationen. Man spürt, dass hier Dinge, Lebensweisheiten, Einsichten und Erfahrungen musikalisch verarbeitet werden, die sich nicht in Worte fassen lassen.
Es scheint auch, dass diese Stücke dazu dienen, Kraft und Ausdruckskraft für die zweite Sorte Stücke zu schöpfen:
2. Die übrigen Stücke erkennt man als Jarrett-Stücke sofort, zum Teil an den typischen Bass-Rythmen. Diese Stücke zeichnen sich im vorliegenden Album dadurch aus, dass sie noch stimmiger und vor allem noch viel ausdrucksstärker sind als viele der bisherigen Stücke. Hier erstrahlt die Schönheit von Keith Jarretts pianistischem Können in vollem Glanze. Es sind, wie beim Köln-Konzert, einmalige Stücke.
Und auch in diesen Stücken ist herauszuhören, dass Jarrett ein anderer ist als vor 30 Jahren: reifer, noch zarter im Anschlag, abgeklärter und in keinster Weise älter oder abgegriffen! Etwas überraschend sind die langen Applaus-Phasen, doch auch diese helfen, das soeben gehörte richtig einzuordnen und sich auf die nächsten Kunstwerke vorzubereiten.
Insgesamt ein MUST für Jarrett-Fans, allerdings sollte der Einsteiger wirklich mit Köln anfangen - ein Menu startet man ja auch nicht beim Dessert!
Ergänzung im Mai 2011: Was beim Abhören der CD leider sehr stört ist der extreme Lautstärkeunterschied zwischen Applaus und Musik. Der Applaus ist dermaßen laut (viel zu laut), dass man ohne kräftiges Drehen am Lautstärkeregler kaum ertragen kann. Ein entsprechendes Kundenbild ist oben eingefügt.