Von dem Münchner Tanz - und Bewegungsschulinhaber Carl Orff hatte man nichts Sensationelles erwartet, ja bis zum Jahr 1937 kannte ihn kaum jemand. Daß er einmal zum bedeutendsten Komponisten der Nachkriegsmusik werden und weltweit ebenso heftige Verehrung wie Ablehnung erfahren würde, niemand aus der Musikszene hatte damit gerechnet. Dieser Musiker tauchte quasi aus dem Nichts auf, seine erste bedeutende Komposition "Carmina Burana" schlug wie eine Bombe ein und verursachte die leidenschaftlichsten Reaktionen mindestens seit der Uraufführung des "Tristan".
Als "Apostel eines neuen Lebensgefühls" und "genialer Schöpfer eines modernen Musiktheaters" wurde er gerühmt, seine Musik von anderen als "entnervendes Einhämmern kunstlosester Phrasen" und "Rückfall in den Primitivismus" geschmäht. Seltsamerweise kann man beide Positionen nachvollziehen (bis auf "entnervend", da kenne ich andere Komponisten, besonders aus unserer schönen neuen Zeit).
Carl Orff ging einen anderen Weg als seine Zeitgenossen. Er war auf der Suche nach dem Urgrund der Musik, nach dem instinktiven menschlichen Bedürfnis nach Bewegung, Tanz, Gesang und Spiel. Seine Musik kann man nur als elementar bezeichnen, sie hat eine unmittelbare, Grundgefühle ansprechende Wirkung, erzeugt Freude, Gruseln, Erschütterung, Innigkeit, Verlangen. Und sie ist primitiv, das allerdings im besten Sinne. Primitiv heißt nicht nur simpel oder gar einfältig, es heißt auch erstmalig, einmalig, entwickelt aus einem Urzustand. Orffs Musik ist frei von jeder Künstlichkeit, das reich besetzte Schlagwerk steht im Vordergrund und treibt das Spiel mit einer unerschöpflichen Zahl an Rhythmen an, die verschiedenste Stimmungen entstehen lassen. Die große Kunst in Orffs Musik iat der totale Verzicht auf artifizielle Ansprüche, es ist, als hätte es sie immer schon gegeben, sei immer schon dagewesen. Selbst wenn man sie zum ersten Mal hört glaubt man, sie wiederzuerkennen.
Nach einer langen Zeit des Forschens trat Orff 1937 mit seiner ersten Oper (szenische Kantate wäre wohl angemessener) "Carmina Burana" ans Licht der Öffentlichkeit. Für seinen Bühnenerstling hatte er sich Texte aus einer Sammlung mittelalterlicher Liebes- und Sauflieder, verfasst in einem stark verballhornten Spätlatein und Mittelhochdeutsch, zusammengestellt und dazu diese so uralt klingende und doch total neuartige Musik geschrieben. Nach Kriegsende verbreitete sich dieses seltsame handlungslose, aber völlig nachvollziehbare Spiel wie ein Lauffeuer über die ganze Welt, setzte sich über sämtliche Sprach- und Kulturbarrieren hinweg und bewies so, daß es eine von Kulturkreisen unabhängige musikalische Ursprache gibt, die jeden Menschen sofort anspricht und allgemein verständlich ist. Man muß nur lang genug suchen.
Eine wahre Unzahl von Aufnahmen gibt es von Orffs genialem Bühnenerstling und diese gilt als "Mustereinspielung". der Regisseur Jean - Pierre Ponnelle unternahm 1973 den größtenteils geglückten Versuch einer Verfilmung und der Dirigent und enge Mitarbeiter Orffs Kurt Eichhorn spielte dazu den "Soundtrack" ein. Durch die lange Zusammenarbeit mit dem Komponisten kannte Eichhorn dessen Absichten genau und es gelang ihm, eine vom ersten bis zum letzten Moment mitreissende, teils geradezu euphorisierende Aufnahme einzuspielen. Er stellt die riesige Schlagwerkabteilung klar in den Vordergrund und erzeugt durch die genaue Einhaltung der von Orff vorgeschriebenen Rhythmik eine unvergleichliche Wirkung. Das Münchner Rundfunkorchester spielt mit der Präszision eines Uhrwerks und treibt das lebensfrohe Geschehen mit unbändiger Energie voran.
Eine äußerst wichtige Rolle in "Carmina Burana" spielen die Chöre. Auch hier wurden mit den Tölzer Knaben und dem Chor des Bayerischen Rundfunks Spitzenensembles verpflichtet, denen die außerordentlich hohe Qualität dieser Einspileung zu einem Gutteil zugeschrieben werden muß. Der Chor beherrscht vom ersten Augenblick an die Szene, dräuend und mysteriös im berühmten "Fortuna Imperatrix Mundi", ausgelassen im "In Taberna" - Teil und bei aller Derbheit berückend verführerisch in den Liebesszenen.
Für die Solopartien holte man sich ausgezeichnete Sänger. Lucia Popp befand sich 1973 auf dem Höhepunkt ihrer Karriere und überzeugt sängerisch wie darstellerisch auf ganzer Linie. Ihrer reinen und modulationsfähigen Stimme lag ein ganz besonderer Zauber inne, der in den Sopran - Partien dieser Aufnahme zur vollen Geltung kommt. Die Freude am Singen hört man ihr in jeder Szene an.
Der Tenor John van Kesteren hat einen kurzen, aber hinreißend komischen Auftritt im "In Taberna" - Teil, in dem er ironisch einen gebratenen Schwan besingt.
Die eigentliche Sensation dieser Einspileung heißt jedoch Hermann Prey. Der zu seinen Glanzzeiten immens populäre Bariton zeigt sich hier von seiner besten Seite und spielt seine große Erfahrung mit Orff - Partien aus. Sowohl die groben Sauflieder als auch die extrem schwierigen Liebesgesänge gelingen ihm hervorragend. Seinen Hang zum Chargieren und zum Kitsch, der ihm oft vorgeworfen wurde, unterdrückt er hier vollständig und bewältigt die sehr anspruchsvolle Bariton - Partie, die ungewöhnliche Höhensicherheit (bis zum hohen H) erfordert, ohne jegliche Anstrengung in der Stimme und mit größter Bravour. Hier hat es jemand allen seinen Kritikern gezeigt.
Noch immer wird "Carmina Burana" weltweit mit großem Erfolg und Freude aufgeführt und einem jeden, der den einmaligen Carl Orff kennenlernen möchte, sein diese hervorragende Aufnahme wärmstens empfohlen.
Aber Vorsicht - diese Musik hat Suchtpotenzial.