Kaum eine Oper ist so mit Klischee-Vorstellungen belastet wie Bizets "Carmen". Dies gilt im besonderen für die Titelpartie. Diese Einspielung entspricht den Klischees in keiner Weise. Bizet hatte "Carmen" als Opéra Comique geplant. Das es sich um eine große Oper handele, wie das Werk in der Regel aufgeführt wird, ist ebenfalls ein Klischee mit dem diese Aufnahme aufräumt.
Claudio Abbado am Pult gibt den Rahmen für diese Interpretation vor, läßt leicht und vorwärtsdrängend musizieren. Er vermeidet alles Reißerische und gibt dem Werk eine französisch-elegante Note zurück. Placido Domingo als Don José klingt von allen Beteiligten noch am ehesten nach großer Oper. Doch auch er nimmt sich hier hörbar zurück. Ileana Cotrubas bietet eine sehr schön gesungene, fragile Micaela.
Doch steht und fällt jede "Carmen"-Einspielung mit der Besetzung der Titelpartie. Und die ist mit Teresa Berganza wirklich außergewöhnlich gut, im eigentlichen Sinne des Wortes. Vor ihr hat auf Tonträgern nur Victoria de los Angeles versucht Carmen ähnlich differenziert zu gestalten. Als Spanierin ist sie mit Zarzuelas, den Operetten ihrer Heimat, vertraut. Diese Zarzuelas sind der französischen Opéra Comique durchaus verwand. Teresa Berganza verzichtet gänzlich auf den Ton der großen Oper. Sie singt Carmen schlank, mit makelloser Technik und entwickelt ihre Figur ganz aus dem Gesang heraus, ohne naturalistisches Gurren. Sie arbeitet mit sanften rhytmischen Rückungen und phrasiert dabei eloquent wie eine Chansonette. Sie bietet eine raffinierte Interpretation an, der Äußerlichkeiten und Effekthascherei abgehen, was sehr hörenswert ist.