Auch bei der Oper "Carmen" ist es wahrscheinlich unmöglich, die EINE, BESTE Aufnahme zu benennen, so unterschiedlich sind die Ansätze und Stärken. Soltis Interpretation steht in genauem Gegensatz zur Deutung Bernsteins, die ich ebenfalls sehr schätze (s. meine Rezension dort) und setzt ihr ein Ergebnis entgegen, daß sich (im Vergleich zur risikoreich-spannungsgeladenen Musizierweise) vor allem durch beeindruckende Stimmigkeit und Geschlossenheit sowie durch den uneingeschränkt schönen Stimmklang (fast) aller beteiligten Sänger auszeichnet.
Allen voran TATIANA TROYANOS in der Titelrolle: noch nie habe ich eine solch attraktive, bis in die Höhen schmelzig und leuchtkräftige, dabei nie ihr warmes Mezzo-Timbre verlierende Carmen gehört, die (anders als z.B. ihre überforderte Sopranistenkollegin Gheorghiu) auf jede Form von Abdunkeln oder Forcieren zu verzichten vermag; am ehesten erinnert sie mich (nicht vom deutlich dramatischeren Stimmfach, wohl aber von ihrer geschmeidig-warmen Klanglichkeit her) an Magdalena Kozena. Ihr Interpretationsansatz ist dabei lyrischer, als man es von dieser Rolle normalerweise gewohnt ist: eine Carmen, die sich durch eigene Verletzlichkeit auszeichnet und verdeutlicht, daß auch ihre Art zu lieben und zu leben Leiden an der Unentrinnbarkeit innerhalb der eigenen Verhaltensmuster miteinschließt. Gefährlich oder gar dämonisch wirkt sie deutlich seltener als Marilyn Horne - und wenn, dann weniger durch Stimmexplosionen, als durch kühle, drohende Zurückhaltung. Wer diesen Rollenansatz zu schätzen vermag, wird durch Frau Troyanos mehr als belohnt werden.
Den besonderen Wert dieser Aufnahme macht aus, daß alle weiteren Beteiligten den lyrischen Grundansatz aufzugreifen fähig sind und somit ein an Stimmigkeit nicht zu übertreffendes Gesamtkunstwerk entstehen lassen. KIRI TE KANAWA, bei der mir in anderen Opern immer wieder eine tiefere Durchdringung und differenziertere Ausgestaltung von Charakter und Psychologie der jeweiligen Rolle zu fehlen scheint, kann hier gerade durch die Einfachheit und Natürlichkeit ihres fast instrumental wirkenden Zugangs zum Musizieren als Dorfmädchen überzeugen und findet dabei (anders als m.E. zum Beispiel bei Mozart) eine gute Balance zwischen substanzhaltiger Wärme und flötenähnlicher, weicher Helligkeit.
PLACIDO DOMINGO, auf der ersten seiner drei Studioproduktionen, beweist, daß er der ideale Don José ist: leidenschaftlich, kraftvoll, dabei fähig zu jeder schwärmerischen bis verzweifelten Ausdrucksnote, vom Aufbegehren bis zum Zusammenbruch, mit absoluter Glaubwürdigkeit. Die zärtliche Lyrik, die er mit seiner vielseitigen Stimme ebenso überzeugend zu entfalten vermag, ermöglicht ein optimales Verschmelzen mit den beiden weiblichen Hauptakteurinnen in Duetten, die schöner kaum denkbar sind.
JOSE VAN DAM, der zumindest quantitativ unübertroffene Hauptvertreter der Bariton-Partien im französischen Fach, ist ebenso ein luxuriöser, hier auch noch recht "jugendlicher" Escamillo, wenngleich mir seine Stimme noch nie besonders gefallen hat: bei aller Differenziertheit des Ausdrucks fehlt mir in seinem eher trocken und mental geformt wirkenden Klang häufig das strömende Element; als Torero zeigt auch er sich von einer ungewohnt nachdenklichen, seriös-melancholischen Seite, die mir jedoch mehr Sympathien abgewinnen kann, als ich bislang für den auftrumpfenden Arenahelden aufzubringen bereit war.
SIR GEORG SOLTI, sonst durchaus für temperamentvolles, markantes Musizieren bekannt, schafft mit glühender Binnenspannung ohne veräußerlichte Effekte mehr als nur den notwendigen Raum für die aus der Verinnerlichung gespeiste Entfaltung seiner Protagonisten - und hat damit wieder einmal eine Referenzleistung vollbracht.