Carl Zuckmayers Dramen sind zu Recht berühmt, seine Memoiren ("Als wär's ein Stück von mir") nicht minder. Seine Erzählungen haben es nicht ganz so weit gebracht, und das ist schade, denn auch sie haben einiges zu bieten. Dieser zweiteilige Band beweist es.
Der zweite Teil dieses Bandes entspricht dem Band "Ein Bauer aus dem Taunus", erstmals 1927 erschienen. Staub angesetzt haben diese Erzählungen bis heute nicht: Erzählungen aus dem Leben des Kleinen Mannes, den oft die "große Geschichte" beutelt, der sich aber nicht um sie schert und sie auch nicht versteht. Nicht umsonst dürfte "Ein Bauer aus dem Taunus" die Titelgeschichte geworden sein: Die Geschichte eines Bauern aus dem Taunus, der einfach nur leben will und sich nicht zur Verkörperung irgendwelcher Parolen eignet, den es irgendwie an die Westfront, dann in den russischen Bürgerkrieg hinein und wieder hinaus und schließlich zurück auf den heimischen Hof wirbelt -- das heißt: Der Bauer Schorsch Philipp Seuffert lässt sich nicht wirbeln, sondern geht einfach stur weiter, auch wenn er das Gewirbel nicht versteht. Und am Ende wird weiter gelebt, als sei nichts geschehen -- dabei ist einiges geschehen, und über einiges wäre zu reden, hielte man es denn für wichtig genug. Aber es gibt Wichtigeres; das Leben zum Beispiel. Wohl auch kein Zufall, dass diese Erzählung das Schlusswort des Bandes spricht, so wie die "Geschichte von einer Geburt" am Anfang steht. Auch hier wird das Feindbild (nicht der Feind!) geohrfeigt, aber ohne Klischee, ohne Kitsch, ohne Völkerversöhnung im katzensilbernen Rahmen. Es passiert alles ganz einfach, wie es immer passiert.
Im Mittelpunkt stehen scheinbar einfache Erlebnisse; manchmal stehen sie für sich in all ihrer Würde (warum muss eine Erzählung immer ein erhabenes Sujet haben?), manchmal führen sie die Absurdität der ach so wichtigen "großen" Geschichte vor Augen. Mal vor heimischer Kulisse, mal am Nordkap. Und einmal am Ligusterblatt -- auch Schwärmer (sechsbeinige, geflügelte) haben ihre nur scheinbar banalen Leben.
So verschieden sind die Menschen (bzw. Insekten...) ja nicht, aber ein Erzähler wie Zuckmayer macht deswegen kein Spektakel und wedelt deswegen nicht mit irgendeiner Botschaft herum. Er will eine Geschichte erzählen, basta. Und das tut er ohne verbales Rumgefuchtel, ohne stilistisches Gehabe, aber mit präzise gesetzten Worten und gekonnten Metaphern.
Auch der erste Teil dieses Bandes hat's in sich; er umfasst Fragmente, Unvollendetes, erst postum und/oder erstmals Veröffentlichtes, thematisch sortiert. Ihnen gemeinsam ist auch hier Zuckmayers Vorliebe fürs Abenteuerliche, fürs pralle Leben -- und auch für detaillierte Stimmungsbilder, für deren Schilderung er nicht viele Worte braucht. Ein, zwei Wörter, und päng -- aus einem Patrouillengang während des Ersten Weltkrieges an der Westfront wird eine Wegstreife im Dreißigjährigen Krieg. Nicht die Szenerie wechselt, die ist immun gegen Veränderung, sondern die Zeiten... und erst jetzt wird dem überrumpelten Leser klar, wie zeitlos diese Landschaft eigentlich ist. Leser, genauso überrumpelt wie die wilden Karnickel und die entglitzten Forellen in der gerade mal zwei Seiten langen Skizze.
Ein Filetstück dieser frühen Erzählungen sind sicher die Persiflagen und Parodien auf verschiedene Genres. Natürlich kommt dem Karl-May-Fan Zuckmayer der typische Kolportage-Stil der Vorlage nicht aus: "Ein fremder Mann fuhr nach Chicago" und erlebt Abenteuer, bei denen kein Mensch mehr durchblickt, aber das schmälert das Vergnügen keineswegs, sondern steigert es noch. So ganz nebenbei deutet Zuckmayer mit seiner verschwenderischen Verwendung expressionistischen Vokabulars an, dass da vielleicht so mancher Vertreter der Stilrichtung überschätzt worden sein könnte; auch Hochliteratur ist oft nur Karl May... (Nichts gegen Karl May!) Nächste Parodie: Zuckmayer knöpft sich die Genres "Kalendergeschichte" und "Schwank" vor und liefert so en passant eine der komischsten Mord-Vertuschungen der Weltliteratur ab -- ob Hitchcock die "Geschichte vom wilden Cunningham und seinem treuen Weib" kannte und dran dachte, als er "The Trouble with Harry" drehte? Im Preis inbegriffen ein überdimensionierter, zwischenzeitlich nicht unsympathischer Haudegen von Format. Aber dann lässt Zuckmayer seinem inwendigen Drehbuchautor freie Hand: Kameraschwenk, und schon befinden wir uns mittendrin in einer grusligen Prosa-Moritat. Sowas muss man können. Zuckmayer kann's, wie man hier ständig aufs Neue lesen kann; in diesen und den anderen, hier unerwähnten Erzählungen.
Ganz andere Töne dann in dem Romanfragment "Sitting Bull" -- Erhalten (oder überhaupt verfasst) sind, außer dem Exposé, nur die Jugend des Titelhelden und fünf in sich geschlossene Fragmente; letztere zugleich als selbständige Erzählungen lesbar. Man ahnt, dass hier ursprünglich wohl ein biographischer Roman geplant war; die Atmosphäre stimmt, jede Figur hat man nach ihrem ersten Auftreten in jedem Detail vor Augen. Zuckmayer erzählt hier aus verschiedenen Perspektiven, aus der der Opfer und der der Täter; hinzu kommen Naturschilderungen, für die er keine Wortschwälle braucht, um intensive Stimmungen hervorzurufen. Zentrale Figuren treffen in den Fragmenten immer wieder aufeinander... Wie gesagt, allein schon dieses Romanfragment stellt viel Tiefgründelndes in tiefen Schatten.
Sie gehen alle in die Vollen, diese Erzählungen. Es geht um das echte Leben im Wahren, weit und breit nichts verquast-ätherisch Abgehobenes, aber auch nichts Krachledernes, auf zünftig getrimmtes. Zuckmayer konnte es ganz einfach, das plastische Erzählen. Dass seine Figuren nachgerade leibhaftig aus seinem Werk herausspringen, kennt man ja bereits aus seinen Dramen... Hier tun sie's ebenso.
Also das Telefon ausgestöpselt, überlebensnotwendige Nahrung für die nächsten Stunden in unmittelbarer Nähe bequem zurechtgelegt, Kissen ins Kreuz gestopft, und ran ans Buch. Es lohnt sich.