Fan von Wilhelm Busch war ich schon seit meiner Gymnasialzeit. Und zwar nicht wegen Max und Moritz, sondern wegen der frommen Helene. Die hatte mir ein ultralinks stehender Busch-Liebhaber als Paradebeispiel sozialpolitischer Gesellschaftskritik verkauft. Von Carl Spitzweg wusste ich vor diesem Buch nicht viel mehr als man in einem durchschnittlichen Kunstunterricht mitbekommt. Also Biedermeier, holländische Einflüsse und Armer Poet. Aber das ist nun alles Schnee von gestern, seit ich diesen Ausstellungskatalog in meiner Sammlung habe. Und die Wahrscheinlichkeit ist groß, dass ich nach Schweinfurt oder Hannover fahren werde, um mir die Bilder und Zeichnungen im Original anzusehen. Bestens vorbereitet, versteht sich. Denn die abgedruckten Texte in diesem Buch sind so hervorragend, dass ich einige sogar mehrmals las. Das will etwas heißen, bin ich doch, was Erläuterungen von Kunstexperten betrifft, eher stark geschädigt. Doch was der Spitzweg-Spezialist Jens Christian Jensen und der renommierte Busch-Kenner Hans Ries mit ihren Aufsätzen leisten, ist bestes Infotainment. Sie zeigen in klarer, oft humorvoller Sprache auf, was dem gewöhnlichen Betrachter verborgen bleibt. Sie bauen Brücken zwischen zwei deutschen Ausnahmekünstlern, die auf den ersten Blick nur wenig miteinander zu tun haben. Carl Spitzweg wurde 1808 geboren, Wilhelm Busch starb 1908. Zwei Jubiläen, zwei Künstlerleben.
Das Vorwort lässt bereits erahnen, dass sich die Idee, Spitzweg und Busch auf die gleiche Bühne zu bringen, die Menschen im Umfeld einer solchen Aufführung inspiriert und ihre eigenen humorvollen Seiten entdecken lässt. Der Katalog folgt dem Konzept der Ausstellung und ist daher in zehn Kapitel gegliedert, die von einem kurzen Text eingeleitet werden. Kurz heißt in diesem Falle allerdings perfekte Verdichtung von Wesentlichem. Und so erfährt der Leser nicht nur, was die beiden Künstler auszeichnet und verbindet, sondern wird auch in eine Schule des Sehens und genauen Betrachtens mitgenommen. An vielen Stellen wurde mir plötzlich klar, warum ich Offensichtliches ausblendete und was solche Wahrnehmungslücken mit meiner eigenen Geschichte zu tun haben. Wirklich hervorragend und beispielhaft gemacht.
Mein Fazit: Ein Katalog, der zum Besuch der Ausstellung verführt. Aber selbst wenn man die Einladung nicht annimmt, wird man die beiden Künstler und ihre Werke neu sehen. Kommt hinzu, dass die Aufmachung und der Druck von außergewöhnlicher Qualität sind. Kurz: Ein Ausstellungskatalog, den ich gerne weiter empfehle, zumal der Preis mehr als fair ist.