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Raphael Gross über «Carl Schmitt und die Juden»
Die alten Zeiten, da ein jeder, gestützt auf die eigene Lektüre der Texte Carl Schmitts, versuchen konnte, sich ein Urteil über den geheimnisumwitterten «Kronjuristen des Dritten Reiches» zu bilden, sind längst vorbei. Heute ist das Studium der Werke Carl Schmitts an die Lektüre dickleibiger Schriften und Kommentare gebunden; es ist zum Exerzierfeld für Spezialisten geworden. Genau 979 Seiten wurden 1995 von Andreas Koenen aufgeboten, um eine unter allen Masken und Camouflagen im Dritten Reich sich durchziehende katholische Position Carl Schmitts aufzuzeigen. Inzwischen gibt es detaillierte Untersuchungen zu dem vielfältig ausdeutbaren Begriff des «katechon», des «Aufhalters» nach Paulus (2. Thess. 2, V. 68), und auch die Selbststilisierung des furchtbaren Juristen als eines ebenso enigmatischen «christlichen Epimetheus» in Anlehnung an den längst vergessenen Dichter Konrad Weiss hat ihre Bearbeiter gefunden.
«Vorsicht, mein Lieber!» so beginnt der Entwurf eines Waschzettels von Carl Schmitts eigener Hand für sein Buch über den «Leviathan» aus dem Jahre 1938, den er offenbar in der Nachkriegszeit an Freunde und Schüler herumgeschickt hat. Es heisst darin weiter: «Dieses ist ein durch und durch esoterisches Buch, und seine immanente Esoterik steigert sich in demselben Masse, in dem Du in das Buch eindringst. Lass also besser die Hände davon!» Es sieht so aus, als sei die Voraussage in den letzten beiden Jahrzehnten in Erfüllung gegangen; die Forschung ist in die Esoterik des Werkes von Carl Schmitt hineingesogen worden. Ob allerdings diese Einladung in das Arcanum durch Neugier erwecken sollende Verbotstafeln auf Dauer ihre Kraft behält, das sei dahingestellt. Denn ein entzaubertes Arcanum macht nicht mehr neugierig; es stösst nur noch ab wie der missratene Trick eines auftrumpfenden Zauberkünstlers.
Opportunismus?
Gross beschäftigt sich mit dem Antisemitismus Carl Schmitts und zwar systematisch. Das hat seinen Grund, denn Carl Schmitt, der nach 1945 trotz der Enthebung von seinem Lehrstuhl einen nicht zu unterschätzenden Einfluss auf das geistige Leben der Bundesrepublik ausgeübt hat, wurde niemals neutral, sondern immer nach seinem eigenen Verfahren aus dem «Begriff des Politischen» beurteilt; in Bezug auf C. S. gab es immer nur Freund und Feind. Die Freunde in dem postfaschistischen politischen Spektrum der fünfziger und auch noch der sechziger Jahre hatten eine Erklärung für Carl Schmitts Einlassungen nach 1933 zur Hand: Schmitt hatte sich opportunistisch verhalten. Er wollte Karriere machen, und zwar mit den besten Absichten. Er war einer von den vielen gewesen, die dem Führer «Ideen» ins Ohr setzen wollten. Die Apologeten Carl Schmitts zählen dann die vielen Bezüge zu jüdischen Gelehrten aus der Weimarer Republik auf, und tatsächlich hatte ihm dieser Umgang 1936 einen zwischenzeitlichen Karriereknick eingebracht, als die SS-Zeitschrift «Das schwarze Korps» den offenen Kampf gegen das Umfeld der «konservativen Revolution» eröffnete. Dass dann in den sechziger, siebziger Jahren der «Erzjude» Jacob Taubes, Leiter des «Instituts für Hermeneutik» an der auf dem Gebiet der Studentenunruhen führenden Freien Universität Berlin, Kontakte zu Carl Schmitt unterhielt auch das schien in dieses differenziertere Bild zu passen. Und hatte ihm nicht Walter Benjamin 1930 ergebenst sein «Trauerspielbuch» zugeschickt, nicht ohne zu betonen, wie viel er Schmitts Lehre von der Souveränität verdanke?
Mit dieser Opportunismus-These bricht das Buch von Raphael Gross auf der ganzen Linie. Das Ergebnis seines detaillierten Nachweises ist eindeutig: Carl Schmitt war Antisemit von seinen frühesten Schriften an, und er ist es bis zum Schluss geblieben. Von den «Schattenrissen» von 1913, jenen mässig komischen literarischen Miniaturen, in denen Walter Rathenau als einziger Vertreter unter der Rubrik «Nicht-Deutsche» firmiert, bis zum «Gesang des Sechzigjährigen» aus dem «Glossarium», in dem er klagt, Opfer unter anderem auch des «jüdischen Terrors» geworden zu sein, zieht sich eine eindeutige Linie durch das Werk des berühmten Juristen.
Was wechselt, ist nur die Strategie: Vor 1933 ist der Antisemitismus verdeckt; in einem potenziell antisemitischen Umfeld genügten ohnehin Anspielungen. Nach 1933 äussert er sich offen; nach 1945 tritt er in ein letztes Stadium, das sich selbst tragisch-ironisch betrachtet, weil das Unternehmen gescheitert ist: Der Feind ist zurückgekehrt, und er ist mächtiger denn je. Carl Schmitts Antisemitismus ist spezifisch katholisch geprägt; es kann in ihm die ältere antijudaistische Tradition des Christentums sehr wohl zusammenfliessen mit dem rassistischen Gedankengut des 19. Jahrhunderts. Darauf hingewiesen zu haben, dass diese beiden Linien nicht so säuberlich zu trennen sind, wie oft behauptet wird, macht schon ein Verdienst des Buches von Gross aus. Es ist aber nicht sein Zentrum; vielmehr bemüht sich der Autor zu zeigen, dass dieser Antisemitismus das eigentliche Arcanum des gesamten Werkes ist.
Feindbilder
Zwar ist Carl Schmitt unendlich viel gebildeter als der Meldegänger aus dem Ersten Weltkrieg; in einem entscheidenden Punkt aber argumentiert er nach der gleichen Struktur: Der potenzielle Aggressor stellt sich grundsätzlich als der Angegriffene dar. Sich «des Juden» und «des Jüdischen» zu erwehren, gehört zu den Grundhaltungen der deutschen Selbstbehauptung. Wer schon die Niederlage im Krieg von 191418 «den Juden» zuschreibt die Dolchstosslegende war zugleich das Einfallstor einer sich verschärfenden antisemitischen Propaganda , der sieht auch im Versailler Vertrag und in der «immerwährenden Zinsknechtschaft» nichts anderes als den Vorstoss des «Feindes».
Auf welche kontrafaktischen Verschwörungsthesen man dann kommen kann, zeigt Gross en passant an einem Detail aus Carl Schmitts «Leviathan»: Hätte, so Schmitt, der erzkonservative Staatsrechtslehrer Friedrich Stahl («Stahl-Jolson») im 19. Jahrhundert dem Preussenkönig Friedrich-Wilhelm IV. nicht den rettenden Begriff einer konstitutionellen Monarchie eingeblasen und damit Preussen und die Kirche paralysiert, wäre eine parlamentarische Monarchie entstanden, die unter den Belastungen von 1918 nicht so schnell zusammengebrochen wäre. Auch das ist eine Möglichkeit, die Frage nach der Schuld an der Niederlage im Ersten Weltkrieg dem Urtrauma dieser ganzen Generation zu klären. Zugleich ist es nur ein Glied in einer Kette unumstürzlicher Gewissheit, die 1941 durchschlägt: Die Juden sehen (nicht unähnlich übrigens der Hegel'schen «List der Vernunft») zu, wie sich das grosse Seeungeheuer Leviathan und das Landungeheuer Behemoth gegenseitig zerfleischen. Sie erscheinen in dieser Sicht als die eigentlichen Nutzniesser des Ersten und des Zweiten Weltkrieges. Hatte nicht schon Heinrich Heine gedichtet, wie sie dann das Fleisch des Leviathan in weisser Knoblauchsauce verspeisen werden?
Verschwörungsphantasien
Die Weltverschwörungsthese ist bei Schmitt begrifflich geschärft. Das zentrale Zitat findet sich im «Begriff des Politischen»: «Wer Menschheit sagt, will betrügen.» Die Juden kommen in Masken einher; ihre lange Geschichte hat sie anpassungsfähig werden lassen immer müssen sie erst entlarvt werden. Auch für Carl Schmitt ist der liberale, emanzipierte Jude der gefährlichste Feind. Nicht viel anders hatte Adolf Hitler in «Mein Kampf» es ausgedrückt, dessen christlich verbrämte Notwehrthese: «Indem ich mich des Juden erwehre, kämpfe ich für das Werk des Herrn», Carl Schmitt 1936 an Anfang und Ende seiner Ausführungen auf der Tagung der «Reichsgruppe Hochschullehrer des Nationalsozialistischen Rechtswahrerbundes» stellte. Andreas Koenen sah darin eine bewusste Abgrenzung gegen den rassistischen Antisemitismus der Nationalsozialisten und einen Schachzug, den eigenen katholischen Antijudaismus auf der Tagung durchzusetzen; Gross wiederum sieht seine Auffassung bestätigt, dass beide Varianten ineinander fliessen und kaum zu trennen sind.
Der Schwerpunkt der Arbeit von Gross liegt darin, den verborgenen «Juden» in allen zentralen Feindbegriffen von Schmitt ans Tageslicht zu ziehen und so das Arcanum zu lüften. Denn die Juden sind die Feinde des «Politischen», sie sind die Avantgarde der Carl Schmitt verhassten «Polarität von Ethik und Ökonomie». 1915 hatte Werner Sombart in seinem professoralen Beitrag zum Ersten Weltkrieg «Händler und Helden» einander gegenübergestellt; die Deutschen sind die Helden, die Engländer sind leider nur die Händler. 1932 resümiert Carl Schmitt: «Früher unterwarfen die kriegerischen Völker die handeltreibenden Völker, heute ist es umgekehrt.» Diesen Prozess konnte nur das «Politische» aufhalten, die kategoriale Unterscheidung von Freund und Feind sollte zugleich dazu dienen, den Feind zu verorten. Denn der Feind ist der schlechthin andere, der Fremde.
Nach dem Zweiten Weltkrieg konstatiert Carl Schmitt, dass dieser Feind zu siegen nicht aufgehört hat. Angesichts der «Siegerjustiz» in den Nürnberger Prozessen schreibt er an Armin Mohler: «Für die Juden ist das Christentum eine Episode in ihrer Geschichte; sie fühlen sich heute als Sieger, und sind es auch.» Auch vor dem letzten Schritt scheut Schmitt nicht zurück; in einem Briefwechsel stimmt er der Bemerkung Ernst Jüngers vom 10. Februar 1945 zu, der ihm geschrieben hatte, dass nun eine weitere Ausbreitung der «jüdischen Moral» zu befürchten sei, da «diese Moral durch die Exterminierung der Juden, an die sie gebunden war, nun frei und virulent geworden ist». Auf dem Umweg über ihre eigene «Exterminierung» in Europa also hätten es die Juden geschafft, ihre spezifische Moral endgültig zu universalisieren. Zu Recht empört sich Gross darüber, dass diese beiden Denker zu dieser Zeit angesichts der Ermordung der europäischen Juden nichts anderes zu denken haben.
Der Nachsatz von Ernst Jünger gibt aber noch einen zusätzlichen Hinweis: «Es hat etwas Gespenstisches, wie der blinde Wille sich ad absurdum führt.» Das geht auf einen Punkt, der vielleicht noch genauer hätte herausgearbeitet werden können: Der Antisemitismus der gebildeten Schichten hatte mit dem Antisemitismus Hitlers kooperiert; nun konstatiert man verbittert, dass Hitler «der blinde Wille» das genaue Gegenteil von dem erreicht hat, was man wollte. Eben darum liest Carl Schmitt in diesen Jahren Kierkegaard über die Ironie und fühlt sich als Opfer der Ironie der Weltgeschichte. Das Alte Testament hat über das Neue Testament gesiegt. Das ist in seinen Augen das Ergebnis des Zweiten Weltkrieges. In seiner unverwüstlichen Neigung zur Reimerei hat er unter dem 8. 7. 1949 diesen hinterhältigen Sieg im «Glossarium» so kommentiert: «Und Nürnberg? Hiroshima? Morgenthau? / Zu Isidore Isou: / Sie reden zwar viel von Eliten, / doch ahnen die meisten es kaum: / Es gibt nur noch Isra-Eliten / im grossplanetarischen Raum.»
Die Doktorarbeit von Raphael Gross wird Widerspruch aus dem Schmitt'schen Lager hervorrufen. Es wird darum gehen, ob man in der Tat alle zentralen Begriffe Schmitts aus seinem Antisemitismus herleiten kann, so wie Gross das «konkrete Ordnungsdenken» im Begriff des «Nomos» dem «bodenlosen», universal-formalen Gesetz gegenüberstellt. Leicht werden es etwaige Apologeten aber nicht haben, dafür ist die Beweislast zu erdrückend.
Friedrich Nietzsche sagt in der «Zweiten unzeitgemässen Betrachtung», man müsse, wenn man eine Vergangenheit zerbrechen und auflösen wolle, zeitweilig das Vergessen vernichten und mit übergrosser Klarheit sich vor Augen führen, wie sehr diese oder jene Gestalt den Untergang verdiene; erst dann könne man das Messer ansetzen und sich pietätlos von einer Vergangenheit trennen. Unzeitgemäss wäre dieses Denken dann geworden, wenn es nicht mehr plausibel erscheint, hinter ökonomischen Sachzwängen oder liberalem Rechtsdenken nach einer personal und ethnisch gebundenen Verschwörungsstruktur zu suchen. Zeitgemäss gewendet: Gegen die heute global operierende Internet-Aktiengesellschaft «Ethik & Ökonomie» lässt sich manches einwenden; wer aber wird als Argumente noch die Theorien von «Freund & Feind» beziehen wollen?
H. D. Kittsteiner
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